Karsee: Ein kleiner Ort im Allgäu versammelt sich

Gegen Demokratie-und Wissenschaftskritik

Man denkt unwillkürlich an das kleine gallische Dorf von Asterix und Obelix, das sich unermüdlich gegen die Übermacht der Römer mit List und natürlich mit der Kraft des Zaubertrankes widersetzt.

Karsee schafft es, sich ohne diese Hilfsmittel zu behaupten. Nicht gegen die feindliche Übermacht der Römer von außen, sondern gegen Kritiker der Demokratie von innen. Diese treffen sich im Karseer Gasthof Adler seit Jahren und werden mit Demokratiekritik, Verschwörungserzählungen und wissenschaftsfeindlichen Positionen in Verbindung gebracht. Darüber haben in der Vergangenheit mehrere Medien immer mal wieder berichtet. (Vgl. hier, hier, hier),

Wie nun kann Karsee sich gegen diese Strömungen behaupten? Sie schaffen es mit Offenheit, Dialog und vor allem durch Aufklärung über die Grenzen von Karsee hinaus. Sie bildeten zu  diesem Zweck ein breites Bündnis aus Privatpersonen, Vereinen, Unternehmen und Institutionen: Das  Dorfbündnis Karseer Mitte .

So konnten sie am letzten Dienstag für einen  Vortragsabend einen wichtigen Experten als Referenten gewinnen: Dr. Matthias Pöhlmann, der als Beauftragter für Sekten-und Weltanschauungsfragen der evangelisch- lutherischen Kirche in Bayern über „Rechte Esoterik und Verschwörungsglaube in Krisenzeiten“ referierte.

Die Bewohner des Dorfes, aber auch wohl Auswärtige strömten in die Turn-und Festhalle, die sich trotz großer Hitze sehr schnell füllte. Es sollen ca.250 Teilnehmende anwesend gewesen sein, die teilweise vor den Türen stehend zuhörten.

Für die Medienvertretergalten klare Regeln: es durfte nicht fotografiert oder gefilmt werden. Das passte einigen Teilnehmern aus dem Umfeld des Gasthofes Adler, die sich ebenfalls unter die Zuhörerschaft gemischt hatten, nicht. Diskussionen mit den sehr strengen Ordnern und Ordnerinnen der Veranstalter zum Filmverbot waren unüberhörbar. Zu Beginn stellte Bernhard Bitterwolf als Moderator einige Mitglieder aus dem Dorfbündnis Karsee vor, die ihre Motivation zur Mitarbeit darlegten.

Dann hatte Dr. Matthias Pöhlmann das Wort: Er bezeichnete Strömungen rund um esoterische Einstellungen zu Beginn seines Vortrages als „Misstrauensgemeinschaften“. Er zitierte aus dem Buch von Aladin El- Mafaalani mit diesem Titel.

Ein Grund für die neue Erstarkung des Populismus sei der Mangel an Vertrauen in gesellschaftliche Systeme und Institutionen. Man werde so zum Misstrauenden und behelfe sich mit Alternativen: Man vertraue denen, die ebenfalls misstrauen. Die Grundlagen dafür sind nicht etwa Kompetenz, Wissen oder Erfahrung, sondern vielmehr gemeinsames Misstrauen, so Pöhlmann. Es gebe ein sog. funktionales Misstrauen, was durchaus wichtig für die Demokratie sei. Dann gebe es noch das so genannte normative Misstrauen, das alles pauschal des Misstrauens willen ablehne.  

Esoterik heute sei Ausdruck gesellschaftlicher Krisenerfahrung. Sie decke die existentiellen Themen Gesundheit, Heilung und Pädagogik in vermeintlicher gesamtgesellschaftlicher Krisenlage ab. Es würden einfache Erklärungen für komplexe gesellschaftliche Krisen versprochen. Der Referent verwies besonders auf Überschneidungen zwischen Esoterik und rechtsextremen Ideologien.

Er machte deutlich, dass im Rahmen von Esoterikmessen systematisch antisemitische und rechtsextreme Bücher auftauchen. Eine Abgrenzung von Rassismus und Antisemitismus finde nicht statt. Besonders problematisch sei, dass rechtsextreme Akteure oder die Reichsbürgerszene Esoterik als Türöffner für neue Rekrutierungsmöglichkeiten nutzten. Pöhlmann sprach von Esoterik als dem trojanischen Pferd im rechtsextremen Gedankengut.

Ein wichtiges Thema kam noch zur Sprache: Die so genannte germanische Neue Medizin (vgl. hier), deren Anhänger behaupten: Krankheiten seien die Folge von biologischen Konflikten, die durch die Schulmedizin eher verschlimmert würden. (Warnungen davor, s. hier, hier )Berichtet wurde vor Jahren bereits über die Wissenschaftsfeindlichkeit im Zusammenhang mit Zweifeln an der Existenz des Masern-Virus (s. hier).

Wie werden solche gefährlichen Thesen verbreitet? Über Telegramkanäle, teilweise mit bis zu 50 000 Nutzerinnen und Nutzer. Was begeistert nun diese hohe Zahl an Nutzerinnen?  Was lässt Menschen diesen obskuren Ideen folgen? Pöhlmann verwies auf eine repräsentative Umfrage aus der Schweiz: Dort ging es um den Zusammenhang zwischen Religiosität und Spiritualität. Religiosität sei eher in gemeinschaftliche Formen eingebettet (z.B.in kirchlichen Gemeinden), während Spiritualität sehr stark individualisiere und so eine besondere Offenheit zu Verschwörungstheorien aufweise. Beides werde von den Akteuren geschickt miteinander verbunden.  

Es war ein sehr beeindruckender Abend, an dem im Anschluss an den Vortrag sehr ruhig und diszipliniert die Fragen aus dem Publikum vom Referenten beantwortet wurden. Nach der Veranstaltung konnten die Teilnehmenden einen Fragen -und Feedbackbogen ausfüllen.

An diesem Abend wurde deutlich: Ein kleines Dorf im Allgäu braucht keinen Zaubertrank, um sich gegen Verschwörungen und rechtes Gedankengut stellen.

Hut ab!

Weiterführendes zum Vortrag auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung HIER

Info zu den Fotos: (c) Andy Reiner, Fotojournalist

„Wir suchen alle einen Platz“- so heißt das Kunstwerk aus alten Mostfässern, das in einer Aktion mit Geflüchteten vor Jahren in Karsee entstand. Es steht vor der Turnhalle in Karsee. Es ist zu wünschen, dass alle ihren Platz im Zusammenleben im Ort wieder finden. . . , meint AGORA-LA, Foto(c) AGORA-LA

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