Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus


Trauerbeflaggung am Rathaus, 27. Januar 2020

Diesen Tag hatten die Vereinten Nationen 2005 zum Gedenktag ausgerufen. Bereits 1996 wurde er durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum deutschen Gedenktag bestimmt. Dieser Tag ist der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Jahr 1945.

Heute berichtet die Schwäbische Zeitung am Beispiel von Ravensburg über die verfolgte Minderheit der Sinti und Roma, die auch damals befreit wurde.  Immer noch haben sie mit den Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft zu kämpfen. Direkt unter uns, auch hier.

Sie sind die größte Minderheit in Europa und doch wieder das letzte Glied in der Reihe der Geflüchteten, die 2015 hier ankamen. Viele von ihnen strandeten damals im Feriendorf in LA. Fast alle mussten zurück.

In den sogenannten Willkommensklassen, in denen ich damals unterrichtete, saßen viele aufgeweckte Roma-Kinder, die in ihren Heimatländern in Osteuropa noch nie eine Schule von innen gesehen hatten. Ihnen wird dort der Zugang zur Schule verwehrt oder sie werden in „Extraklassen“ von der Lehrerschaft der Mehrheitsgesellschaft unterrichtet, oft jedoch drangsaliert. Deshalb gehen viele Kinder dort dann nicht mehr in die Schule. In den Willkommensklassen waren sie irgendwann verschwunden. Jeden Morgen fehlte ein anderes Kind, ohne Abschied, bei Nacht und Nebel abgeholt. Die Namen in den Klassenlisten mussten dann wieder gestrichen werden. Nicht als unentschuldigt fehlend, sondern für immer. Der Schulvormittag verlief dann in gedrückter Stimmung. Oft habe ich mich gefragt, in welche Heimat kehren sie wohl zurück. Was mag wohl aus dem Jungen geworden sein, der voller Stolz und Hingabe seine Buchstabenreihen malte. Es gibt jedoch auch Menschen, die ein Bleiberecht bekommen haben. Gegen alle Vorurteile. Weil es noch Richter gibt, die nicht nur nach Aktenlage entscheiden. Die hinhören, sich am Ende eines Gerichtstages die Zeit nehmen und diesen Menschen zuhören. Den Aktendeckel als Mensch schließen, nachdem sie die Gründe für ein Bleiberecht minutiös herausgearbeitet haben.

Wenn man sich dann weiter um diese Menschen hier kümmert, muss man sich als Ehrenamtliche vielfach erklären. Der/ die Fragesteller*in nimmt die Bezeichnung „Zigeuner“ zwar nicht mehr unbedingt in den Mund, aber die Äußerungen mancher Mitmenschen sind oftmals eindeutig. Auch hier. So eindeutig, dass man sich fremdschämen muss. Auch hier. So eindeutig, dass sie ihre Wohnung verlieren, auch hier. So eindeutig, dass sie hin und her geschoben werden, obwohl sie Arbeit haben, zur Schule gehen und einen ordentlichen Aufenthalt haben. Auch hier.

Was bei den Juden „Shoa“ (  Katastrophe) heißt, nennen die  Sinti und Roma „Porajmos“, das Verschlingen. Die  Entschädigung dafür bekamen sie erst in den 80-iger Jahren.

Wenn heute die Trauerflagge am Rathaus im Wind hängt, denken wir auch an Porajmos. Auch hier.

„Wir Deutsche erinnern uns. Aber manchmal scheint es mir, als verstünden wir die Vergangenheit besser als die Gegenwart“ ( Bundespräsident Steinmeier in Yad Vashem in der letzten Woche )

Hinweise: Es gibt eine beeindruckende Dokumentarerzählung des österreichischen Autors Erich Hackl zu dem Thema. Sie ist auch beeindruckend verfilmt worden.

Zur Erinnerungskultur sei hier auf die aktuelle Ausstellung des jüdischen Museums in Hohenems verwiesen.