Schon wieder im Schloss
Gestern haben sich erneut lange Schlangen mit Interessierten zur Besichtigung unseres Schlosses gebildet.
Architekt Albrecht Weber und Restaurator Anton Frei führten zu zwei Terminen durch das Haus. Obwohl man als ständige Besucherin bei Konzerten, häufig auch zu Führungen während der Bauzeit dort war, erschlossen sich immer noch neue Geschichten.




Was man so alles erfuhr: Beispielsweise über die Bierlasur. Wie oft hatte man bei Konzerten auf die ziemlich ramponierten Fenster bei schönster Musik geschaut. Jetzt sind sie in mühevoller Arbeit restauriert worden. Die Rahmen glänzen in neuer Farbe!


Schauen Sie auch mal hier oder hier.
Was es für mich heute neu zu entdecken gab:

dem Kopf . . .?
Bislang unentdeckt und daher unbekannt, wohl auch für den Architekten Albrecht Weber. Zwar ist diese Ziegelwand hier auf dem Blog bereits bekannt, aber dieser Stempel blieb bislang unentdeckt. Ein Zufall! Beim Betrachten der Wand, also schnell abfotografiert.
Welche Geschichte steckt dahinter? Warum steht die Schrift auf dem Kopf? Ist es vielleicht ein Name? Aufgelöst: STAIB-WASSEROTT RAVENSBURG -steht dort. Darüber ist die von anderen Stellen der Ziegelwand bekannte Jahreszahl in Bleistift 1864 zu lesen. Also schnell das Netz befragt und hier fündig geworden.

Quelle: HIER Deutsche Digitale Bibliothek: Die Firma aus Ravensburg
Man wird mit ein wenig Geduld fündig. Das ist die vermutete Geschichte dazu: Es gab anlässlich der Weltausstellung 1851 ein Verzeichnis der Firmen, die ausstellten. Dort taucht die Firma unter Nummer 69, Württemberg auf. Sie wird dort als Hersteller von gotischen Fenstern, gotischen Rosetten sowie Fenstern und Monumenten aus Terra Cotta aufgeführt. ( Quelle: https://www.e-rara.ch/zut/doi/10.3931/e-rara-79121 ) Aber eigentlich wurde die Firma 1859 durch die Herstellung und den Verkauf von keramischen Wasserleitungen erfolgreich. (Wer tiefer einsteigen will, hier, S.93ff.) Sie ersetzten damals die alten Holzwasserleitungen. Ein sicherlich lukratives Geschäft!

Es ist also zu vermuten, dass diese Firma, die dort ihren Namen auf dem Kopf stehend verewigt hat, einiges aus dem Repertoire seiner Erzeugnisse geliefert hat. . . Ob das so war, müsste man anhand von Aufträgen und Verträgen prüfen. Etwas für den Archivar Fuchs. Wahrscheinlich waren es eher keine Wasserleitungen, sondern allerlei „gothische Fenster oder gothische Rosetten“ (s. Abb. oben) Warum die Firma ihren Namen dort auf dem Kopf verewigt hat, weiß man nicht. Vielleicht Zufall? Der Maurer hat möglicherweise nicht aufgepasst, hat einfach in der Reihe farblich passenden Stein gewählt, nicht auf die richtige Ausrichtung des Steins geachtet und nur sehnsuchtsvoll an seinen Feierabend gedacht.


So bleibt immer etwas zu tun. . . .

Aktualisierung, 14.9.202,17.13 Uhr:
Manchmal geht’s ganz schnell ! Soeben ist nach Anfrage beim Gemeindearchivar Andreas Fuchs Lesenswertes bei AGORA-LA angekommen. Er schreibt u.a.:
„[. . . ] Einer Ausarbeitung des Architekten Heinrich Wurm, Ravensburg, aus dem Jahr 1976, welche hier in Kopie vorliegt, verdanken wir seine wohl in den vorgenannten Archiven gewonnene Erkenntnisse zum Schlossbau, die in kopierter Form hier im Archiv der Gemeinde verwahrt sind. Und siehe da: Auch die Firma Staib & Wasserott kommt darin vor, findet als eine der ganz wenigen namentlich genannten Firmen darin Erwähnung. Dieser Sachverhalt entspricht aufgrund des Vorgenanntem sozusagen einem ‚archivalischen Sechser im Lotto oder eben dem Fund der berühmten Stecknadel im Heuhaufen. [ . . ]“

Korrespondenz Pfeilstickers mit dem Hofkammerpräsidenten v. Ergenzinger, 08.09.1861:
„(…) Die Einfassungen der Thüren- und Fensteröffnungen, die Gesimse, Terrassen und Balcon-Gelehnder, Säulchen und Verzierungen etc. wären lichtbraun, in terracotta zur Ausführung zu bringen, welche Färbung aufs wohlthuendste mit dem Hauptton der Vormauerung zusammenwirken würde, indem sich die Steine lichtgelb beinahe weiß brennen, wodurch das Gebäude mit seinem markigen Sandsteinunterbau bis zu den entferntesten Puncten des Sees als lichte Masse aus seinen blauen Fluthen erglänzen müßte.
Das Material in gebranntem Thon könnte in vorzüglichster Art in der Ziegel- und Bauornamentenfabrik der Staib & Wasserott in Ravensburg angefertigt und bezogen werden. Er ist derjenige Fabrikant welchem ich bei meinen Kirchenbauten in Oberschwaben zur Hebung der Fabrication von Baustücken in gebranntem Thon, als Äquivalent für den nur theuer zu bezahlenden Sandstein stets Gelegenheit bot, sich in diesem Zweige seines Fabrikats mehr und mehr zu vervollkommnen, sodaß er in allergnädigster Anerkennung für verdienstliche Leistungen mit der goldenen Medaille für Industrie und Wissenschaft im Namen seiner königlichen Majestät am 5. Juli 1853 ausgezeichnet werden konnte, ferner am 31. März 1859 von unserer königlichen Zentralstelle ein Diplom nebst 10 Dukaten und die Medaille zur Anerkennung des Fortschritts im Gewerbe und Handel, sowie die Medaille der Industrie-Ausstellung aller Nationen in London im Jahr 1851 und endlich die Medaille der Industrie-Ausstellung in München im Jahr 1854 erhielt. (…)“
Bericht Pfeilstickers an das K. Oberhofmeisteramt vom 17. Febr. 1863, betr. Preis der Terracotta-Lieferungen:
„ (…) Zu billigeren Preißen vermochte ich Staib nicht zu bringen und kostete es für mich Mühe, ihn, der sich als Monopolisten in diesem Fabricate fühlt, zu einem Eingehen auf die akkordierten Preiße zu vermögen.
Indessen überzeugte ich mich in Veranlaßung der Verhandlungen mit Staib, daß die akkordierten Preiße immerhin noch 30-40% billiger sind, als in anderen Fabricaten (…).“
Andreas Fuchs nennt diesen Treffer einen ‚archivalischen Sechser im Lotto‘ oder eben den Fund der berühmten Stecknadel im Heuhaufen. Nadeln im Heuhaufen findet man allerdings nur, wenn man als Archivar seinen Beruf versteht, meint AGORA-LA. Vielen Dank!
Damit ist der Stempel auf dem Ziegel ein Beleg für die Verbindung vom Schloss zur Firma Staib- Wasserott durch die Planung und Preisfestsetzung klar.Der Ziegelstempel ist der materielle Beweis.
HIER findet man noch einen Beitrag aus der Schwäbischen Zeitung aus dem Jahr 2019 mit der Überschrift „Königin Pauline warb einst für Ton aus Ravensburg“-Tonwarenfabrik Staib-Wasserott ist ein kaum bekanntes Kapitel in der Industriegeschichte.
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