Aus der Rumpelkammer 


von Schloss Montfort

Es gibt, Gott sei Dank, noch andere Themen als das leidige Wohnraumthema. Allerdings gibt es Wohnräume, die in LA durchaus exklusiv sind und einst den Luxus weitläufiger Gestaltungsmöglichkeiten für sommerliche Lustbarkeiten der Privilegierten boten. Denkmalgeschützt stehen sie jetzt der Allgemeinheit zur Verfügung, sie gehören mit ihrem Park uns allen: Die Räume und Flächen in und um Schloss Montfort. Definitiv nicht zu bebauen, unbezahlbar!

In der letzten Woche wurde seitens der Gemeinde LA zu einem kurzfristigen kulturellen Pressetermin zu den Keramikfunden im Schloss eingeladen. Katy Cuko vom SÜDKURIER berichtete hier bereits ausführlich. Auch über die Rumpelkammer im Schloss.

(c) Albrecht Weber: Fundort Schloss

Im Anschluss an den offiziellen Teil bot Architekt Albrecht Weber AGORA-LA und dem SÜDKURIER freundlicherweise die Gelegenheit den Fundort zu besichtigen. Dort entstanden dann auch die Bilder von Katy Cuko aus der Rumpelkammer. Inzwischen kommen immer mehr Rückmeldungen zu den Funden. Natürlich auch vom Gemeindearchivar Andreas Fuchs. Aber ebenso von unserem Museumsleiter Dr. Ralf Michael Fischer. Sogar Groteskes wird geliefert!

Aber der Reihe nach. 

Schaut man unter die nicht gerade leichtgewichtigen Keramikschalen, so findet man im wunderschönen blauen Boden eingeritzt den Namen einer Manufaktur aus der Nähe von Florenz aus dem 18. Jahrhundert: GINORI. Es gab einst einen italienischen Marchese Carlo Andrea Ginori. Hier.Den Namen muss man langsam laut lesen. Erst dann spürt man die Atmosphäre Italiens vielleicht sogar den betäubenden Zitronenduft. Sehnsucht pur, gerade in Coronazeiten.

(c) Albrecht Weber

Sie fragen sich, was ein genau ein Marchese ist? Dahinter verbirgt sich ein italienischer Adelstitel, vergleichbar mit dem deutschen Markgrafen, klingt natürlich nicht annähernd so schön melodisch-mediterran wie Marchese! Markgraf- nicht wirklich der Klang südlichen Meeresrauschens.

Aber gut, dieser Marchese hatte wohl die Muße und das nötige Kleingeld, sich den Studien der Porzellanmanufaktur hinzugeben. Weiter heißt es in dem Wikipedia-Eintrag:

Bedeutend wurden seine Studien zur Porzellanherstellung, die er um 1735 begann. 1737 besuchte er in diplomatischer Mission Wien. Bei diesem Aufenthalt vertiefte er seine Kenntnisse, und brachte Arkanisten und Maler aus der Wiener Porzellanmanufaktur mit, die ihm beim Aufbau seiner eigenen Fabrik halfen. Diese gilt, nach der von Meißen und Wien, als drittälteste in Europa. Sie entstand 1737 in der Villa seines Landgutes in Doccia (heute Ortsteil von Sesto Fiorentino), und bestand noch bis 2013 unter dem Namen Richard-Ginori[1]“ Diese Arkanisten waren damals Chemiker, die sich unter anderem auch mit der Herstellung von Porzellan, die zu der Zeit noch als Staatsgeheimnis galt, beschäftigten

Dem Internet sei Dank, man googelt so rum und siehe da, es gibt ein Museum in der Nähe von Florenz: hier. Und was steht dort auf der Homepage? Das Museum ist seit Mai 2014 geschlossen, weil der neuzeitliche Besitzer der Porzellanfabrik und vermutlich Nachfahre des alten Lebemannes Marchese, Richard Ginori, Bankrott( passend von ital.: banca rotta )gemacht hatte. Der wiederum war nämlich laut Homepage des Museums bis dahin der 100%ige Besitzer des Museums. Nachdem die Luxusfirma KERING den Markenamen Richard Ginori gekauft hatte, jedoch offensichtlich kein privates Interesse mehr an Musealem bestand, ging das Museum 2018 nach einem kulturellen G7- Treffen in Florenz in die Hände des italienischen Staates über. (Alles auf der Homepage, allerdings auf Englisch, hier nachlesbar). Inzwischen gehört das Museum wohl zur Gemeinschaft der toskanischen Museumslandschaft.

So weit, so gut. Was ist daran nun grotesk?

Jetzt kommen die Experten bei uns ins Spiel. Beispielsweise Dr. Fischer vom Museum Langenargen (auch hier). Dort stehen nämlich die schwergewichtigen Teile in wunderschönem Ultramarinblau nun mal erst herum, nachdem sie nach einem gewagten Transport in die heiligen Ausstellungshallen des Museums dort sicher gelandet sind. Sie werden erstmal im Museum bleiben. ( Werbeblock: Es werden übrigens immer noch gerne Mitglieder und HelferInnen aufgenommen hier)

Vorbereitung auf die neue Ausstellung im Museum: Pssst! Ist noch nicht so weit!

So hat Kunsthistoriker Dr. Fischer wohl zu den Ornamenten recherchiert, wurde fündig und erste vage Erkenntnisse per Mail unter Vorbehalt verteilt. Einige Quellen sind im Netz hier nachlesbar:

Es handelt sich um eine „Ornamentform in der Kunstgeschichte, die besonders in Renaissanceund Manierismus beliebt war, und aus „fantastisch gestaltetem“,[1] feingliedrigem, leicht und luftig angeordnetem Rankenwerk besteht, das neben pflanzlichen Formen auch Tier- und Menschenfiguren, phantastische Mischwesen, Vasenmotive, architektonische Elemente und anderes einbeziehen kann.“

So wären die phantastischen Mischwesen als Imitationen der Kunst der Renaissance auf unseren „Pötten“- sie sehen für mich eher aus wie venezianische Gondeln- vielleicht zu erklären. Die Ornamente der originalen Renaissancezeit jedenfalls gingen wiederum auf antike Vorlagen zurück.Hier:

„Der erstmals für 1502 nachgewiesene Begriff entstand in der Renaissance, bald nachdem man gegen 1479 in Rom in der Domus aurea des Kaisers Nero ornamental ausgemalte Säle der römischen Antike entdeckt hatte, deren Eigenart sich mit der Beschreibung von Wanddekorationen im 7. Buch der Architectura des Vitruv ( die mochte dieser schreiblustige Architekt überhaupt nicht!) Antike deckte. Weil diese in verschütteten, also vermeintlich unterirdischen Räumen gefunden worden waren, bezeichnete man sie mit dem von grotta (it.: Höhle) abgeleiteten Adjektiv grottesco (it.: höhlenmäßig, wild, phantastisch), das seitdem nicht nur auf solche antiken Wanddekorationen, sondern auch auf ihre neuzeitlichen Ableitungen und dann darüber hinaus auf verzerrt-übersteigerte Schilderungen in der bildenden Kunst und Literatur angewandt wurde.“

(c) Albrecht Weber: phantastische Mischwesen

In Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt und dem Gemeindearchiv läuft derzeit die Prüfung ihrer genauen Entstehungszeit, natürlich nicht bis in die Zeiten des ollen Nero zurück. Hoffen wir mal, dass sie wirklich Ginori-Originale aus der Manufaktur aus Florenz sind! Mal sehen, was die Fachwelt noch so alles ausgräbt: Ein Projekt „work in progress“ sozusagen.

Und weil ein Kunsthistoriker in LA natürlich nicht ohne einen kundigen Archivar in einer kulturbewussten Gemeinde sein kann, hat Andreas Fuchs auch noch ein Foto aus dem Gemeindearchiv gezaubert. Die Geschichte dazu gibt es dann in einem weiteren Kapitel auf AGORA-LA. Es wird sonst zu lang und zu anstrengend durch die vielen Jahrhunderte! Bis dahin können Sie, liebe LeserInnen, nach der Keramik in dem Kaminzimmer im Schloss Montfort auf dem alten Foto suchen und . . . vielleicht von venezianischen Gondeln träumen.

Foto: (c) Gemeindearchiv Langenargen, um 1940

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