Eine rekonstruierende Annäherung in Wort und Bild am letzten Samstag
Zunächst gleich zu Beginn: Der Andrang war enorm und der Rathausaal zu klein. Über 20 Interessierte mussten abgewiesen werden. Das ist schade! Hier braucht es dringend eine andere Organisationsform im Vorfeld! Das Jubiläumsjahr ist lange bekannt und bereits zu den vergangenen Veranstaltungsterminen war der Rathaussaal zu klein. Wenn die Schlosskonzerte im Schloss stattfinden können, warum nicht auch so ein Vortrag?

AGORA-LA wird daher etwas ausführlicher berichten:
Die stellvertretende Bürgermeisterin Christine Köhle (OGL) sprach die einführenden Worte und erinnerte an den Hitlerputsch vor 100 Jahren ( vgl. hier) Der Putsch scheiterte und dennoch ging es nicht nur in Langenargen auf den Abgrund zu.
Der Gemeindearchivar Andreas Fuchs nahm seine Zuhörerschaft bei seiner Annäherung mit in die Vorgeschichte zur Machtergreifung. Dazu beschrieb er die Situation des Ortes und seiner Menschen zu Beginn des Weges in die Tyrannei, der mit dem Ende des Ersten Weltkrieges beginnt:
Langenargen hat damals 1700 Einwohner, 85% katholisch, 15% evangelisch. Für das Oberland ist das ein überdurchschnittlicher Anteil an Protestanten. Die katholische Zentrumspartei ist in dieser Zeit die meistgewählte Partei.
Arbeitgeber und Arbeitnehmer
Zu der Zeit gibt es in LA 1240 Erwerbstätige, 31% davon in Industrie und Handwerk, 24% in öffentlichem und privaten Dienstleistungsbereich, 22% in der Landwirtschaft und 15% in Handel und Verkehr, 300 Gästebette und 12000 Übernachtungen. 110 Pendler fahren zur Arbeit nach Friedrichshafen.
Die größten Arbeitgeber sind im Jahr 1919: Die Parkettfabrik (50-100 Beschäftigte) Bass und Keller (30-50 Beschäftigte), das Kies-und Schotterwerk Adolf Wocher, Fa. Joh. Kauffmann und die Kunstmühle Carl Winkler.
Die Weimarer Republik
Der Weg in die Weimarer Republik beginnt in Schritten mit der Abdankung des Kaisers 1918, über die Novemberrevolution, den Rat der Volksbeauftragten, den Spartakusaufstand und schließlich die Ausrufung der Weimarer Republik durch Scheidemann.( vgl. hier) Es fällt der Begriff Gewaltfrieden von Versailles. Hier.
Auch in Langenargen wird der Begriff der „Dolchstoßlegende“ durch Eugen Kauffmann in Langenargen als Leutnant des Ulanen-Regimentes bei der Begrüßung von Kriegsheimkehrern aufgegriffen, wenn er zitiert wird: Wären den Kämpfern an der Front durch die Ereignisse in der Etappe und der Heimat nicht vorzeitig die Waffen entwunden worden, so hätte die damalige Regierung, Prinz Max uns einen früheren u. besseren Frieden schaffen können….[. . . ]“ ( Quelle: Archiv Langenargen)
Putsch und Streiks
Im Reich kommt es 1920 zum Kapp-Putsch, der nach vier Tagen durch einen Generalstreik beendet wird. Zwei Jahre später wird Außenminister Walther Rathenau in Berlin von Angehörigen der rechtsextremen Organisation Consul (O.C.) ermordet. In Langenargen ist Hauptmann Hans Effinger Mitglied dieses Netzwerkes O.C. Er wird später NSDAP-Fraktionsvorsitzender. (vgl. auch hier, S.22).
Braune Balken
Wie verhielt es sich nun mit den ersten Wahlen in LA in der Republik?
Noch sind die Balkendiagramme eindeutig: 1919 und 1920 liegen die staatstragenden Parteien „Weimarer Koalition“ Zentrum, Mehrheitssozialdemokratie und liberale Deutschdemokraten bei 85% und 93%. Einen braunen Balken gibt es noch nicht.
Allerdings werden die wirtschaftlichen Umstände durch die hohen Reparationszahlungen und die Besetzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen auch in Langenargen im Januar 1923 mit Protesten aufgenommen. So finden sich die Worte von Gemeinderat Schöllhammer, der in der Quelle auf das zugefügte Unrecht hinweist und zu Einigkeit und dienender Vaterlandsliebe aufruft, durch Andreas Fuchs zitiert.
Wenn ein Hühnerei am 9.Juni 1923 noch 800 Mark und am 2. Dezember bereits 320 Milliarden Mark wegen der Inflation kostet, ist der Weg in die politische Destabilisierung nicht mehr weit. Die kleinen braunen Balken der NSDAP werden bereits bei den Reichstagswahlen 1924 in Langenargen mit 3,9% sichtbar, Sozialdemokraten und Liberale werden halbiert, die Kommunisten erlangen 6,5%.
In Langenargen verteilt man Mittagessen und Lebensmittelpakete an Notleidende, trotzdem werden noch 106 kommunistische Stimmen abgegeben: „[. . . ] schnöder Undank [. . . ] Warum suchen denn die unzufriedenen Radikalinskis nicht das ihnen in Russland winkende Paradies auf?“ So lässt der Archivar seine Quelle von 1932 sprechen. Auf den Bänken im Park sitzen inzwischen mittellose Arbeitslose, keine Kurgäste mehr.
Auf dem Weg zur Gleichschaltung
Bereits am 12.September 1931 wird von der Ortsgruppe der NSDAP Langenargen zu einem Deutschen Abend in das Hotel Engel geladen. Die Einladung geht ausdrücklich an „die gesamte deutsch-denkende Bevölkerung“. Juden haben keinen Zutritt, so der Quellentext. (Quelle: Gemeindearchiv Langenargen)
Die ersten Reichstagswahlen 1932 lassen inzwischen den braunen Balken auf 32,4 Prozent steigen, nach einem kleinen Dämpfer bei der zweiten Wahl 1932 -nur noch 26,2 Prozent – steigt die NSDAP schließlich auf 45% im März 1933. (Die Zahlen im Reich hier, zum Ermächtigungsgesetz hier)
In der Zwischenzeit sind alle lästigen Parteien im Gemeinderat ausgeschaltet, unliebsame Parteigenossen sitzen in „Schutzhaft“ in dem Konzentrationslager Heuberg bei Wassersuppe. Kleine Hakenkreuzen statt Buchstaben schwimmen darin als Suppeneinlage, so berichtet der Archivar.
Im August 1933 tritt das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien in Kraft. Damit war dann auch der Gemeinderat Langenargen „voll und ganz nationalsozialistisch besetzt“( Zitat Effinger) Nach der Eingemeindung von Oberdorf gibt es nun 6 NSDAP-Gemeinderäte, 2 ehemals bürgerliche NSDAP Hospitanten (Wocher, Kauffmann) und 1 Bürgermeister als NSDAP-Aspirant, zwischen 1933 und 1939 2 Vizebürgermeister: Effinger und Kugel. 8 Gemeinderäte : Brugger, Geyer, Hanser, Kauffmann, Neidhardt , Sulger, Waldvogel und Alf. Wocher.
Damit war Langenargen nun braun gestrichen.

von der „Eisernen Front“ (SPD) Quelle: Stadtarchiv Ulm

Der Vortrag war mit alten schwarz-weißen Fotos unterlegt, die mit moderner Technik farbig gestaltet wurden. So war das rote Flaggenmeer mit den schwarzen Hakenkreuzen bei den Umzügen im Ort für die Zuschauer gut sichtbar. Es durfte nicht fotografiert werden. Die Fotos wurden AGORA-LA freundlicherweise durch das Gemeindearchiv zur Verfügung gestellt.
Titelbild oben: Tanne mit Hakenkreuz am Spritzenplatz 1940 zu Führers Geburtstag, Quelle: Archiv Langenargen

Es wäre wünschenswert, wenn der zweite Vortrag zu diesem Thema, der im Frühjahr 2024 geplant ist, in einem größeren Raum stattfinden könnte.
Der nächste Vortrag mit dem Thema “ Mundart und Brauchtum Langenargen“ von Reinhard Schick findet am 25.1.2024 statt.
Hinweis: Bereits auf dem Weihnachtsmarkt wird die neue Chronik des Ortes zu kaufen sein.Die einzelnen Kapitel werden in den Vortragsveranstaltungen des Gemeindearchivs vorgestellt.
Übrigens: Die Stadt Überlingen hat am letzten Wochenende ihre neue Ortschronik in einem festlichen Rahmen hier gefeiert. Sie schließt damit ihre Feierlichkeiten zur 1250-Jahrfeier, die dort über drei Jahre wegen neuer Erkenntnisse zur Gründungsurkunde (770 statt 773)verteilt wurde, ab.
(aktualisiert: 28.11.2023, 9.15 Uhr)