Aus dem ewigen Eis

Snow Baby

Noch ist Weihnachten und man versucht die harten Themen der Realität mal ein wenig beiseitezuschieben. Daher kommt jetzt eine vom Unbill der Krisen befreite Geschichte:

Auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt der anderen Art in der Oberstadt von Bregenz bin ich durch die verwinkelten Gassen in einen Laden der Vergangenheit geraten. In den Laden einer Puppenmacherin.Beim Öffnen der Tür hört man ein Glöckchen und versinkt in die Welt von Weihnachtsschmuck, der nicht aus China kommt, sondern in alten Formen hier gegossen werden. 

Brigitte Ritsch als geprüfte Puppenmacherin beantwortet geduldig alle Fragen und flugs nimmt sie die neugierige Besucherin mit durch eine unscheinbare Tür ins Hinterzimmer. Dort eröffnet sich ein Eldorado für Puppensammler. Aber auch die Liebhaber von Spielzeug aus vergangenen Tagen dürften dort in Verzückung geraten.

In einer Ecke sieht man einen großen Weihnachtsbaum, der nur mit weißen Figuren und Kugeln behängt ist- weiß wie mit Puderzucker bestreut.  

Bei vorsichtiger Berührung stellt man fest, es ist Porzellan. Brigitte Ritsch erklärt die Hintergründe, während sie zwischendurch schnell in den Verkaufsrum zurückspringt, um einem Kunden einen Mini-Christbaum, dessen Zweige aus Federkielen bestehen, zu verkaufen.

Mir hat es das Snow Baby angetan. Es musste mit.

Jetzt kommt die Geschichte dazu: In den Jahren zwischen 1900 und 1914 entstand als Verkaufsschlager der aufstrebenden Spielzeugindustrie dieses Snow Baby und durfte damals in keiner Puppensammlung fehlen. Der Hintergrund der Geschichte, die zu Produktion dieser Figürchen führte, geht auf Robert E. Pearyzurück, der als amerikanischer Marinesoldat 1891 seine erste Reise im Auftrag der Akademie der Wissenschaften Grönland erforschte. Mit dabei war auch seine Frau Diebitsch-Peary.

Auf einer Fahrt im Jahr 1893 wird in Eis und Schnee die kleine gemeinsame Tochter Marie geboren. Von den Eskimos bekommt die kleine Marie den Namen „Ahninghito“-Schnee Baby. Sie war das erste weiße Kind, das diesen Namen offiziell trug und so weit im Norden geboren wurde. Während der Vater voller Forscherdrang weiter in das Landesinnere vordringt, bleiben Mutter und Kind zurück bei den Eskimos. Ihre Erlebnisse dort hat sie in einem Tagebuch festgehalten: „ Mein arktisches Tagebuch , ein Jahr bei den Eskimos, 1901 erschien ihr zweites Buch „ The Snow Baby“

Diese Abbildungen regte die deutsche Spielwarenindustrie an, so dass die Snow Babies aus weißem so genanntem Biskuit Porzellan auf den Markt kamen. Heute werden sie von Brigitte Ritsch handgefertigt und bemalt. Aber:

Liest man den WIKI-Artikel über Peary genau, so stellt man fest, dass er nicht nur von Forschergeist beseelt war: „[. . . ] Seine Grönlandexpeditionen waren für Peary hochprofitabel: Von den Inuit erhielt er mehr oder weniger freiwillig Elfenbein und Pelze im Austausch gegen Werkzeuge, Geschenkartikel, Eisen und Holz. 1897 brachte er einen großen Meteoriten nach New York; die Ureinwohner hatten diesen seit Generationen als Rohstoffquelle genutzt, bevor Peary ihn in Besitz nahm. Zudem verschleppte er sechs Inuit von Grönland in die USA, die im Kellergeschoss des American Museum of Natural History zu anthropologischen Forschungen an lebenden Objekten untergebracht wurden, die der dortige Kurator Franz Boas durchführte. Vier der Inuit starben bald darauf an Tuberkulose.[. . . ]“ 

Aber wir wollten ja eigentlich nur Krisenfreies berichten. Deshalb lassen wir auch das Abschmelzen der Pole durch den Klimawandel jetzt außen vor. Es ging ja nur um das Snowb-Baby, das vielleicht in Zukunft keinen Schnee mehr kennt und seinen warmen Pelz nicht mehr braucht.

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