Tabula rasa in LA
Der Kunstpark am See wurde am letzten Freitag mit einer Eröffnungsführung unter der Leitung von Priv-Doz. Ralf Michael Fischer eröffnet. AGORA-LA konnte leider nicht anwesend sein. Über die Ausstellungseröffnung im Museum hatte AGORA-LA hier berichtet.
So heißt es in dem Flyer zur diesjährigen Ausstellung unter freiem Himmel „Grafik im Bodenseelicht“ in der Einführung hier: „[. . . ] Entlang der Uferpromenade sind in diesem Jahr acht Installationen mit vergrößerten druckgrafischen und fotografischen Arbeiten zu sehen, also Kunst auf Papier, die im Original nur in abgedunkelten Räumen gezeigt werden darf. Der Kunstpark 2024 lässt diese Bilder im Bodenseelicht buchstäblich neu aufscheinen, um ihnen völlig neue Wirkungen abzugewinnen. Außerdem sorgt die Vergrößerung dafür, dass plötzlich verblüffende Details erkennbar sind, für die man ansonsten oft eine Lupe benötigt. [. . . ]“
Von wegen „ plötzlich verblüffende Details“: Zur Eröffnungsführung, so wurde AGORA-LA berichtet, waren es tatsächlich noch acht Installationen, unmittelbar nach der Führung fehlten jedoch zwei Bilder: Die beiden sog. Linienätzungen, Aquatinta von Francisco de Goya mit der Darstellung „Auf der Jagd nach Zähnen“, die das Herausbrechen von Zähnen bei einem Gehenkten zeigt. Den Zähnen in pulverisierter Form wurden magische Kräfte zugeschrieben, ein verbreiteter Aberglaube in jener Zeiten, den Francesco de Goya (s.o. Flyer 2a) kritisiert. Ebenfalls verschwunden: Francisco de Goyas „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“(s.o. Flyer 2b)

Was war passiert? Der Kurator, Priv.Doz. Ralf Michael Fischer, der die Bilder der Ausstellung zuvor ausgewählt hatte, hat nach eigener Darstellung erst 10 Minuten vor der Eröffnung erfahren, dass die Goya-Bilder abgehängt werden sollen, allerdings wurde er dabei nicht in Details eingeweiht. Über die rasche Abhängung der Bilder direkt nach der Eröffnungsführung war er selbst ziemlich überrascht und enthält sich momentan eines öffentlichen Kommentars. (unter Anmerkungen steht unten der ursprüngliche Satz, der korrigiert wurde).Aus den Künstlerkreisen in LA ist ein Geraune über „die Verletzung der Kunstfreiheit“ zu hören, andere sprechen gar von Zensur. . .
AGORA-LA hat beim Rathaus nachgefragt, um die Hintergründe zu den beiden verschwundenen Bildern zu klären. Hier sind die Fragen von AGORA-LA und Antworten von Frau Schneider aus dem Amt für Tourismus, Kultur und Marketing (TKM):
AGORA-LA:
1. War die Darstellung der beiden Bilder zum Zeitpunkt der Kuratorenführung ( AGORA-LA war verhindert) am 9.8.2024 bereits nicht mehr zu sehen? Wenn doch, hat jemand Anstoß an dieser Darstellung genommen?
Frau Schneider:
Die Darstellung war bei der Kuratorenführung zu sehen und wurde im Anschluss abgehängt. Nein, es hat niemand Anstoß an dieser Darstellung genommen. Vom 11. – 16. August findet auf dem unmittelbar neben der Stele angrenzenden Gelände das Ferienprogramm „Mini LA“ statt. Dies ist eine Kinderstadt mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Alter von 8 – 13 Jahren. Die Goya Darstellung „Auf der Jagd nach Zähnen“ bildet einen erhängten Menschen ab. Die führte zu der Entscheidung, dieses Bild während des dort stattfindenden Ferienprogramms „Mini LA“ abzunehmen. Da es technisch nicht möglich ist lediglich eine Seite zu verhüllen, wurden beide Seiten überhängt.
AGORA-LA:
2. Seit dem 10.8.2024 gibt es an der Stele ein Schild mit der Aufschrift: „Original im Museum zu sehen“. Dem Betrachter wird keine Begründung für den Hinweis auf die Entfernung der Reproduktionen im Kunstpark geliefert. Welche Entscheidungsträger haben sich für diese Vorgehensweise entschieden?
Frau Schneider:
Entscheidungsträger für diese Vorgehensweise ist die Gemeinde Langenargen.
AGORA-LA:
Welche Rolle spielt der Museumsverein bei der Entscheidungsfindung, diese Bilder nur im Innenbereich zu zeigen?
Frau Schneider:
Da die in 1. begründete Entscheidung durch die Gemeinde Langenargen getroffen wurde und nichts mit dem Museum zu tun hat, spielt der Museumsverein in dieser Entscheidungsfindung keine Rolle.
AGORA-LA:
War der Kurator und Museumsleiter Priv.- Doz. Ralf Michael Fischer in die Entscheidungen rund um die Abhängung der Kunstpark-Bilder eingebunden?
Frau Schneider:
Wie in 2. beschrieben, war dies eine Entscheidung der Gemeinde.

Einordnung:
Das Wohl der Kinder im Blick zu haben, mag für die Verantwortlichen der Ausstellung im Kunstpark am See sprechen, wenngleich die „Kindeswohlgefährdung“ angesichts neuer Medien ( Insta,tic, toc etc..) sich wohl in Grenzen halten dürfte.
Ob die Kinder in ihrer wunderbaren Kreativität rund um Mini LA überhaupt die Bilder außerhalb der Gitter ihrer kleinen Stadt wahrgenommen hätten? Man muss sich schon ziemlich verrenken, um den Gehängten vom eingezäunten Areal der Kinderstadt aus als solchen zu erkennen. Und dann verschwindet ausgerechnet zusätzlich der berühmte „Schlaf der Vernunft“, weil es „technisch nicht anders möglich“ ist? Ist das verhältnismäßig? Wird Francisco de Goya hiermit erneut einer Art Inquisition unterzogen? Sie war zu seinen Lebzeiten der Grund dafür, dass er aus Angst vor der Verfolgung durch die Kirche einige der Darstellungen aus den Caprichos aus dem Programm nahm.
In Absprache mit allen Beteiligten und einer gewissen Vorlaufzeit -doch wohl auch gemeinsam mit dem Kurator- hat die Gemeinde Langenargen die großformatigen Bilder herstellen lassen. Ebenso zeigt der Flyer (s. o.) die beiden Bilder in seinem Programm. Dass Mini-LA parallel zur Ausstellungseröffnung stattfindet, wusste man doch schon länger. Hätten die Bilder nach Meinung aus dem Rathaus eine Gefährdung der Kinder bedeutet, hätte man im Vorfeld bereits anders auswählen müssen.
Noch bedeutsamer ist, welche Kriterien sind für die Auswahl von Kunst ausschlaggebend? Wer legt fest, was angemessen ist? Welchen Kunstbegriff vertritt die Gemeinde Langenargen? Gibt es ein Gremium dafür im Rathaus oder ist das Amt TKM dafür alleine zuständig? Kultur als „K“ zwischen Tourismus und Marketing, zeigt das Langenargen mit seiner kulturellen Seite? Der Ort hätte auf Dauer eine nur für den Bereich Kultur verantwortliche Stelle verdient!
Und überhaupt, wie geht man denn beispielsweise mit einem gekreuzigten Jesus um? Hängt man das Kreuz künftig ebenfalls zum Schutze der Kinder ab? Verwehrt man ihnen den Besuch von Kirchen deshalb? Ja, es sind genau solche Fragen von Kindern zur Kreuzigung oder zu anderen gruseligen Märtyrerbildern, die Erwachsene in Erklärungsnot bringen. Aber sie müssen erklärt werden.

Leider hat man nun eine Chance vertan. Die Bilder, die jetzt bis zum Ende von Mini- LA ins Museum verbannt sind, hätten Anlass zu Gesprächen sein können. Denn Kunst sucht den Dialog, sie lebt davon!
Möglicherweise ist diese Chance der Kommunikation jedoch noch nicht vertan. Die Redaktion des Konkurrenzmediums von AGORA-LA, das Mini-LA Stadtblatt., könnte sich doch zur Berichterstattung über diesen kleinen Kunstskandal im großen LA ins Museum begeben und berichten.

Dieses Skandalon (griechisch: Fallstrick! )ist Werbung für die Ausstellung. Eine effektivere Vermarktung könnte es gar nicht geben! Das dürfte schließlich auch die Marketingabteilung von LA erfreuen!
Morgen ist Mini-LA vorbei. Dann werden die beiden Bilder wohl wieder gezeigt, ein Rundgang lohnt sich.
Die Schwäbische Zeitung berichtet hier über die Eröffnungsführung. Dort sieht man auf dem Foto den Kurator Ralf Michael Fischer vor dem noch sichtbaren Bild von Francesco de Goya.
Anmerkung der Redaktion, Korrektur 15.8.2024, 14.20 Uhr: Dieser Satz stand zuvor im Text: „Der Kurator, Priv.Doz. Ralf Michael Fischer, der die Bilder der Ausstellung zuvor ausgewählt hatte, wusste es auch nicht.“
Aus den Reaktionen der Besucher und aus der Leserschaft: “ Die Goyas wurden nicht einfach überhängt, wie es das TKM sagt, sondern abgehängt und stattdessen wurde eine alte Folie mit der Rückseite nach außen hingehängt.“
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