von Inge Kracht
Im Montfort-Boten vom 06. Sept. 2024 war über das Thema “Goya-Gate” in Langenargen und die Darlegung der Umstände, welche zum Abhängen der beiden Kunstpark-Drucke geführt hatten, berichtet worden. ( Anm. AGORA-LA: hier im redaktionellen Teil unter der Überschrift „ Wie viel Kunst verträgt Langenargen? Deshalb hat die Gemeinde die zwei Goyas abgehängt„)
Gerne würde ich dazu einige Gedanken beisteuern. Es gelang mir leider nicht diesen Beitrag auf die für den MoBo erforderliche Zeichenanzahl zu reduzieren, weshalb er nun – freundlicher Weise – auf AGORA-LA zu lesen ist:
Als Kunstschaffende bin ich ein wenig überrascht über diesen Vorgang, obwohl ich die Argumentation der Gemeinde Langenargen anerkenne. Es ist zweifelsohne wichtig, heranwachsende kleine Menschen vor schwierigen Situationen oder Eindrücken nach Möglichkeit zu schützen.
Allerdings folgt dann auch umgehend ein “Aber”, denn die Kinderspielstadt “Mini-LA”, die in Sichtweise zweier Goya-Drucke im Kunstpark stattgefunden hatte, soll doch – so ist es online jedenfalls nachzulesen – dem pädagogischen Zweck dienen, „dass Kinder schon früh selbstständig handeln lernen”.
Zum selbstständigen Handeln gehört natürlich auch das Nachdenken darüber, um Lösungen und Wege zu erkennen und umzusetzen, und nicht zuletzt: um sich selbst darin wiederfinden zu können. Vorhandene demokratischen Strukturen in ihren Grundzügen zu verstehen und ihre Anwendung auf Alltagsebene zu erlernen, erscheint mir aktuell sogar wichtiger denn je.
Weshalb also hat man nicht die Kinder selbst gefragt, wie sie die Goya-Drucke sehen und was sie beim Ansehen dieser empfinden – ohne sie damit alleine zu lassen? Wenn ich – leider selten genug – die schöne Gelegenheit habe, jüngere Kinder, oder Kinder aus dem Grundschulalter zu treffen und mich mit ihnen unterhalten kann, bin ich fast immer über die ihnen eigene Weisheit erstaunt, die oftmals durch einfache, spontane Aussagen zum Ausdruck kommt. Zudem ist die direkte Kommunikation gerade im Zusammenhang mit den Künsten, eine eher seltene und daher nicht zu unterschätzende Möglichkeit, mittels direkter Konfrontation “Leben zu erfahren” (sei es im historischen Kontext oder nicht) und davon zu lernen.
Noch dazu hätten wir eine sehr versierte Person zur Seite gehabt, die sich Dr. Ralf Michael Fischer nennt, eigentlich bekannt als Museumsleiter und Kurator dieser Ausstellung. Ich habe Herrn Fischer als einen offenen, kommunikationsfreudigen und äußerst fachkundigen Menschen kennenlernen können und schätze es sehr, einen so kompetenten Menschen in Sache Kunst hier vor Ort zu haben. Deshalb ist es mir etwas unverständlich, warum er in diesen Entscheidungsprozess nicht mit einbezogen wurde.
Als guter “Netzwerker” und im Austausch mit allen Verantwortlichen hätte er vielleicht eine pädagogische Fachkraft als weitere Begleitung hinzugezogen und gemeinsam mit den Kindern nicht nur über die (möglichen) Ausdrucksweisen in der Bildenden Kunst, sondern auch ein wenig über das Vorhandensein menschlicher Irrungen reflektieren können, selbstverständlich evtl. vorhandene Fragen der Kinder mit einbeziehend. Ich bin fest davon überzeugt: Sie hätten Vieles davon verstanden und etwas Positives für sich mitnehmen können.
So betrachte ich diesen ganzen Vorgang, wenn auch sicherlich gut gemeint, als eine verpasste Chance, wohl aufgrund unzureichender Kommunikation. Zurück bleibt auch das seltsame Gefühl, dass es in einer offenen demokratischen Gesellschaft (und in einer solchen leben wir doch – noch???) möglich ist, einen künstlerischen Ausdruck – trotz des Wissens darüber, was im Kunstpark zur Ansicht kommen sollte – einfach so aus der Öffentlichkeit zu entfernen. Viel sinnvoller und wertschätzender wäre es doch gewesen, eine Situation herzustellen, in der man sich gemeinsam mit dem Kurator dieser Ausstellung über die vorhandenen, durchaus legitimen Bedenken auseinanderzusetzen.
Ist es denn nicht ansonsten so, dass es kaum gelingen kann, Kinder in einer Zeit dominierender Bildschirm-Medien davon zu verschonen, dass sie z. B. Nachrichtenbilder vom Krieg in der Ukraine, über ausgeübter Gewalt mitten unter ahnungslosen Menschen, oder von diversen einschlägigen, Gewalt verherrlichenden Filmen, sowie anderen Beiträgen über menschliches Versagen völlig ungefiltert anschauen zu können?
Auch und gerade in diesem Zusammenhang wäre es – meiner Ansicht nach – für Kinder (und nicht nur für diese) – höchst aktuell, sich mit Goyas Bild “Auf der Jagd nach Zähnen” oder dem “Schlaf der Vernunft” auseinanderzusetzen, verweist er doch damit auf menschliche Unvernunft aufgrund von Unwissenheit!
In einer Anzeige im „Diario de Madrid“ am 6. Februar 1799 warb Goya für die „Caprichos“ mit den Worten, „[. . . ] … dass die Kritik der menschlichen Verfehlungen und Laster (obwohl dies eigentlich ein typisches Thema der Rhetorik und Dichtung darstellt) doch auch Gegenstand der Malerei sein kann….“
Goya schuf die Caprichos mittels der Tiefdrucktechnik Aquatinta zwischen 1793 und 1799. (Siehe auch hier lesenswerte Informationen zu Goya im Museum Langenargen). Schade auch, dass wir ihn nicht mehr fragen können, wie er seine Kritik der menschlichen Verfehlungen denn in der heutigen Zeit des 21. Jahrhunderts (!) verorten und umsetzen würde.
Ergänzendes von AGORA-LA zum Thema : Beitrag hier.
Zur Künstlerin Inge Kracht vgl. hier
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