Christian Drosten
Das Tübinger Seminar für Allgemeine Rhetorik verleiht seit 1998 jedes Jahr die Auszeichnung für die Rede des Jahres:
Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen zeichnet Prof.Dr. Christian Drosten für die ‚Rede des Jahres 2025‘ aus
Tübingen, 12. Dezember 2025
Mit seiner Rede „Wissenschaft ist Freiheit und Pflicht“ vor dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat Christian Drosten ein klares und eindringliches Plädoyer für eine engagierte Wissenschaft formuliert. Mit großem Nachdruck verpflichtet er die Wissenschaft, Freiheit und Demokratie nicht für selbstverständlich zu halten und sich als eine „konstante Stimme in der demokratischen Debatte“ einzubringen. Aber die Rede ist bedeutsam über die Welt der Wissenschaft hinaus, fragt sich der Redner doch, wie wir in einer Welt leben, die das „Bewußtsein für Fakten verloren hat.“
Drosten stand vor einer besonderen situativen Herausforderung im Rahmen der Feierlichkeiten des 100-jährigen Bestehens des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Als Mediziner trat er am 27. Mai 2025 vor zahlreichen Ökonomen auf und damit einer Disziplin gegenüber, die nicht sogleich mit Drostens wissenschaftlicher Heimat in Verbindung gebracht wird. Beide Wissenschaften – Medizin wie Ökonomie – stünden, so Drosten, nicht immer nur „mit beiden Beinen in den exakten Mathematik- und Naturwissenschaften“. Sie müssen stets ihre gesellschaftliche Relevanz reflektieren. Damit war das Programm seiner Rede gesetzt: Wie stehen Wissenschaft und Gesellschaft zueinander? Wie fördert die Gesellschaft die Freiheit der Wissenschaft, wie die Wissenschaft die Freiheit der Gesellschaft? Aus Drostens Sicht kann die Antwort darauf bereits aus dem programmatischen Titel seiner Rede gelesen werden: „Wissenschaft ist Freiheit und Pflicht“.
Christian Drosten, vielen noch aus der Pandemie-Zeit als verlässlicher Wissenschaftskommunikator bekannt, argumentiert sachlich und stringent, spart unbequeme Wahrheiten dabei jedoch nicht aus. Glaubwürdig wird Drostens nüchtern-sachlicher Stil, der seine Argumente überzeugend hervortreten lässt, durch seine persönliche Integrität. Der Redner Drosten, sein Anliegen sowie sein Stil stellen den Rahmen einer bedeutsamen Rede dar.
Schon der Beginn der Rede lässt aufhorchen: „Die Gesellschaft hat das Bewußtsein für Fakten verloren“, analysiert Drosten. Symptome dieses Realitätsverlustes seien die zunehmende Polarisierung von Debatten, die Personalisierung „von vielschichtigen Sachthemen und – leider auch – allzu menschliche Bestrebungen nach Öffentlichkeit und Opportunität“. Seine Kritik gipfelt in der pointierten Aussage: „Was postfaktische Politiker von sich geben, ist noch nicht einmal falsch, aber dennoch keineswegs richtig“. Konsequenterweise spricht er von einem „vollkommenen Verlust der Orientierung an Fakten“.
Diese Entwicklung äußere sich im Alltag in einer stetigen Erosion wissenschaftlicher und journalistischer Gütekriterien und münde in einer Monopolstellung der „Meinungsmacht“, so Drosten in seiner luziden Argumentation. Auch die Wissenschaft sei vor dieser Meinungsmacht nicht gefeit, was Drosten besonders mit den Zwängen des modernen Wissenschaftssystems plastisch beschreibt. In eingängigen Schlagworten umreißt er, mit welchen drastischen Herausforderungen sich Forschung und Wissenschaft konfrontiert sehen: Leistungsdruck, Selektionsdruck sowie politische Flexibilität und Opportunismus. Dadurch gingen Altruismus, soziale Verantwortung oder Courage verloren – in der Wissenschaft wie in der Gesellschaft.
Die Lösung, die Drosten hierfür anbietet, besteht aber nicht in einem Mehr an Wissenschaft. Wir alle profitierten zwar von den Ergebnissen dieser, doch zeige die Entwicklung in den USA, dass Wissenschaftsfreiheit nicht bedeute, „sich herauszuhalten“ – ganz im Gegenteil: „Ich plädiere heute für ein Nachdenken über den Grundsatz der Wissenschaftsfreiheit – und zwar nicht in erster Linie wegen ihrer Einschränkung! Die Freiheit der Wissenschaft muss auch Verpflichtungen mit sich bringen“. Für seine Forderung ist er selbst ein mustergültiges Beispiel, sieht er doch seine Rolle nicht mehr wie in der Corona-Zeit als bloßer Erklärer, sondern nunmehr als Mahner und engagierte Stimme der Wissenschaft.
Mit Verve fordert er in seinem couragierten Schlussappell von allen Beteiligten im Wissenschaftssystem beherzten Einsatz und Engagement „in der demokratischen Debatte“. Denn auch diese Verantwortung bringe die Wissenschaftsfreiheit mit sich.
Drosten beweist in seiner eindrücklichen Rede, dass Wissenschaft und Gesellschaft keine getrennten Sphären sind, sondern zusammengedacht werden müssen und nur so Freiheit und gesellschaftliches Miteinander vermittelt werden können. In einem couragierten Plädoyer für eine engagierte Wissenschaft adressiert er auch die politisch Verantwortlichen, die „Institutionen der Wissenschaft zu stärken – in ihrem eigenen Interesse und für die Überlebensfähigkeit unserer demokratischen Gesellschaften“. Wissenschaft ist nicht allein Freiheit, sondern auch Pflicht.
Seit 1998 vergibt das Seminar für Allgemeine Rhetorik die Auszeichnung ‚Rede des Jahres‘. Mit diesem Preis würdigt das Seminar jährlich eine Rede, die die politische, soziale oder kulturelle Diskussion entscheidend beeinflusst hat. Kriterien für die Jury sind u.a. inhaltliche Relevanz, Vortragsstil, Elaboriertheit sowie publizistische Wirkung.
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