„Alles ist Kunst. Alles ist Politik“

 Das Grundprinzip des großen Gegenwartskünstlers Ai Weiwei

Ai Weiwei „Wo ist die Revolution?“

Dieses Prinzip ist das Leitmotiv des Künstlers zu der bisher größten Ausstellung in Europa in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf.Es geht um Meinungsfreiheit, Korruption, Menschenrechtsverletzung und um das große Thema Flucht. Alles gehört zusammen.

Sein Werk „ Sunflower Seeds“  (Sonnenblumenkerne) von 2010 zeigt  60 Millionen einzeln angefertigte Porzellan – Sonnenblumenkerne, die  auf 650 qm rechteckig aufgehäuft sind. Hergestellt in der ehemaligen chinesichen Porzellanmetropole Jianxi, stellt jede kleine Figur ein eigenes  Kunstwerk dar. Ai Weiwei spielt  mit der Propaganda von Mao Zedong, zwischen 1943 und 1976  Vorsitzender der kommunistischen Partei Chinas. Er propagierte, dass das Volk sich ihm zuwenden solle wie Sonnenblumen der Sonne. Gedankenblitz: Manch ein Politiker bei uns hätte das sicher auch gerne!

In einem Zeitraum von zwei Jahren bot dieses Projekt 1.600 Kunsthandwerkerinnen Arbeit.

Die Wände des riesigen Raumes sind tapeziert mit den Schuldscheinen, die AI Weiwei Spender*innen ausstellte. Mit diesen Spenden konnte der zuvor Verhaftete die angebliche Steuerschuld nach seiner Freilassung begleichen. Nur so war eine offizielle Beschwerde gegen die Vorgänge um seine Verhaftung möglich.

Der Raum der Installation „Straight“( Geradeaus) zeigt die Namen der über 5000 Schulkinder an den Wänden, die am 12.Mai 2008 bei einem Erdbeben in der Provinz Sichuan ums  Leben kamen. Die offiziellen Stellen hatten keine Informationen über die tatsächliche Zahl der toten Schulkinder veröffentlicht.

Erst das Team um Ai Weiwei hatte nach entsprechenden Recherchen bei den Angehörigen die Zahl und die Namen der getöteten Kinder herausgefunden. Mit deren Namen hat Ai Weiwei die Wände dieses Raumes tapeziert. In großen Transportkisten lagern in demselben Raum die Monier-Eisen, die nur unzureichend damals in dem Schulgebäude im Beton verbaut wurden. Ai Weiwei hat sie gesäubert, von Beton befreit und gerade gebogen( daher „straight“), ohne sich selbst zu verbiegen.

Gedankenblitz: Und das alles immer wieder in der Gefahr verhaftet zu werden. Recherche bei uns ist zwar auch anstrengend und manchmal mit Unannehmlichkeiten anderer Art verbunden, aber nicht mit direkter körperlicher Gefahr. So hofft man!

Es sieht aus wie in einer Textilreinigung ( „Laundromat“, 2016) : 40 Kleiderstangen mit 2046 Kleidungsstücken auf Abhol – Zetteln registriert. Anregungen dazu erhielt Ai Weiwei während seiner Dreharbeiten zu seinem Film „Human Flow“ über Flucht  und Migration. Im Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-nordmazedonischen Grenze, das im Mai 2016 aufgelöst wurde.Diese Kleidungsstücke blieben zurück. Ai Weiwei ließ sie nach Berlin bringen, waschen, bügeln und katalogisieren. So aufgehängt wirken sie wie persönliche Kleidungsstücke, die irgendwann wieder abgeholt werden sollen.

Den Nachbarraum dominiert ein riesiges angedeutetes Schlauchboot aus Bambus und Sisalgarn, gebaut nach der Tradition des chinesischen Drachenbaus. Man hat sofort die Bilder der überfüllten Schlauchboote aus den Medien im Kopf.  Auf dem Sockel verschiedene Zitate aus Bibel, Koran und anderen literarischen Zeugnissen, die sich immer schon mit gefährlichen Reisen und Migration in der Vergangenheit beschäftigten.

Die Tapete des Raumes zeigt ein Bilderfries weiß auf schwarzem Grund ähnlich denen auf Vasen aus der Antike: Titel „Odyssey“

In dem daran anschließenden Räumen wird man mit Installationen von Ai Weiwei konfrontiert, die sein persönliches Schicksal betreffen: Szenen seiner Haft in sechs Eisenkisten. Kleine Öffnungen zeigen ihn halblebensgroß mit seinen beiden Bewachern in den verschiedenen Szenen (waschen, essen, schlafen, Toilettengang) aus dem Gefängnis wie in einer Puppenstube:“ S.A.C.R.E.D, 2010-2013“, so lautet der Titel der beklemmenden Installation. Der Begriff „Sacred“(geheiligt) verweist auf lat.“homo sacer“, ein Mensch, der als vogelfrei galt. Er war nur in den Händen der Götter. Der Begriff beschreibt heute oft noch die Situation in totalitären Ländern. 

Gedankenblitz: gibt es bei uns auch vielleicht „halb – vogelfreie“, Menschen, die ihre Rechte nicht wahrnehmen können, weil sie unter bestimmtem Umständen, von Teilhabe ausgeschlossen, beispielsweise der Willkür der Ämter ausgeliefert sind, ihre  Rechte nicht kennen und in Bedrängnis geraten? Ehrlich gesagt, ich kenne einige. 

Noch unter dem Einfluss des Gesehenen ist dieser Beitrag umfangreicher geworden, wer nicht die Muße zum längeren Lesen findet, möge ihn überspringen. Für mich sind es Eindrücke, die nahe gehen und gerade die Arbeit mit den „Problemen“ der Geflüchteten im Alltag in unserem Ort sehr überschaubar werden lassen – wenn man sie gemeinsam anpackt und ein aktives Miteinander wiederbelebt. Wie heißt es in der Ausstellung,

Bibel Hebr. 13,2:

„Die Gastfreundschaft vergesst nicht! Denn dadurch haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.“ 

Oder im Koran Sure 4,97: „War die Erde nicht weit genug für euch, dass ihr darin hättet auswandern können?“

Es ist dieses Innehalten, das Stutzen, das die Ausstellung beim Gang durch die Räume bewirkt. So wie beispielsweise mehrere vermeintlich antike chinesische Vase mit aktuellen Kriegsbildern. Sie wurden offensichtlich in der Gegenwart hergestellt.

„Ai Weiwei: Wo ist die Revolution ?“ – Das ist der Titel der Ausstellung. Ein wenig Revolte täte uns allen gut! Die Ausstellung geht leider am Sonntag zu Ende. 

Zu den Hintergründen und den Kosten der Ausstellung hier ein Link. Ai Weiwei wurde ja häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, er mache mit dem Elend der Geflüchteten Geschäfte, dazu noch ein Link.