Ohne Worte


. . . fast

Hatte man sich bei AGORAnoch mit Meldungen wie Sterneküche und Exklusivität beschäftigt, so fehlen in diesen Tagen den Medienschaffenden immer mehr die Worte, weil sie die passenden Wörter in ihren jeweiligen  Wortschatz-Kästchen nicht finden. Sie können CORONA in der Komplexität ohne Wortwiederholungen nicht  beschreiben.Es fallen Worte wie: “Der DAX stürzt ab, Talfahrt des DAX, DAX stürzt abermals ab.. . . Das  Ganze  endet  dann mit dem  Begriff „Abwärtsspirale“.

Warum wirkt die Sprache denn in diesen Tagen eigentlich so arm? Ist es die Fassungslosigkeit über die Corona Krise? Krise, auch so ein Wort, das man lieber nicht in den Mund nimmt.  Oder ist man in eine Art meditatives Repetieren verfallen, nur um bloß  keine  Panik  zu verbreiten.

Wenn man so die on- und offline Nachrichten mit Blick auf Sprache verfolgt, gibt es z. B. die Verantwortlichen im Nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg, deren Pressekonferenzen sprachlich eher an eine Karnevalssitzung erinnern. Schon der rheinische Slang lässt alles etwas weniger dramatisch klingen. Die täglichen Bulletins des RKI dagegen sprechen die Sprache der Wissenschaft, das ist einfach. Den stoisch wirkenden Prof. Wieler kann offensichtlich nichts aus der Ruhe bringen. Er wirkt dabei allerdings ein wenig wie nicht von dieser Welt. Er sagt einfach was ist. Dafür ist er da. Was die Menschen außerhalb von Forschung damit machen, liegt nicht  in seiner  Verantwortung.

Das andere Extrem, die Logorrhö, also die krankhafte Geschwätzigkeit, gab es immer in den Medien. Notfalls kann man diese abschalten. Aber die Sprachlosigkeit, die sich immer wieder in neuen  Wortkreaturen für Corona und ihre Auswirkungen zeigen und doch nicht die Hilflosigkeit auszudrücken vermögen, lassen selbst die Gelassenen unter uns nachdenklich werden.

Liegt es vielleicht daran, dass uns plötzlich bewusst wird, dass wir uns im globalen Dorf doch nicht mehr so komfortabel einrichten können? Dass wir beobachten müssen, wie unsere gesamte Lebensweise in Frage gestellt wird? Wenn nämlich Verunstaltungen abgesagt, Reisepläne geändert  oder Konferenzen und Messen abgesagt werden müssen ?

Ganz ungemütlich wird es dann beim Beobachten der Börse. Da stürzt der DAX abermals ab. Wo stürzt er denn hin, wenn er schon im Abgrund ist? Abermals? Dort ist das Wort der Wahl: Abwärtsspirale. Oder was  ist schwärzer als schwarz an einem Freitag, der bereits am Freitag zuvor als solcher bezeichnet wird? Dunkelschwarz? Pechschwarz? Alles Ausdruck von Sprachlosigkeit. Brauchen wir vielleicht eine  „Zweitsprache“ , damit  wir die  Geschehnisse angemessen beschreiben können? So wie ein Zweitauto?

Aber Spaß bei Seite: wir haben eine Situation, die jeder schon mal in Siencefiction-Filmen gesehen hat. Das Virus trifft auf eine Wohlstandsgesellschaft, die ihre Ausrichtung auf wirtschaftliches Wachstum hat. Die verlängerten Werkbänke dafür stehen in Ländern wie China. Das haben wir so gewollt. Wir mussten dafür mobil sein, wir mussten dafür ans Ende  der Welt fliegen und wollten aus aller Herren Länder zu allen Jahreszeiten die exotischsten Früchte genießen. Nicht zu vergessen die perverseste Art zu reisen: An Bord eines Kreuzfahrtungetüms.

Alles wird vom Markt bestimmt, aber ein Virus zeigt uns jetzt Grenzen auf. Es ist offensichtlich, dass dieses unbeschwerte Leben, das wir auf Kosten der Ärmsten und der Umwelt gelebt haben, egal wie CORONA ausgeht, unser aller Leben verändert. Eigentlich haben wir es gewusst, dass etwas gegen den Klimawandel getan werden muss:

Konferenzen noch und noch, Demos noch und noch, aber jetzt ist es sichtbar, dass in wenigen Wochen seit Ausbruch von CORONA dort in China  der Himmelwieder blauer wird. Das geht ganz schnell, ganz einfach. Nun ist auch für die letzten Zweifler der Beweis erbracht, dass der Mensch durch Emissionen zum Klimawandel beiträgt und  Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen. Vielleicht hat die ganze Sache auch etwas Gutes. Vielleicht  ist noch Zeit ist zu lernen, auch achtsam miteinander umzugehen. 

Nicht, wie in Frankreich offensichtlich geschehen, Desinfektionsmittel zu horten und sie überteuert weiterzuverkaufen. Sozusagen als Geldanlage im Anlageportefolio- statt Aktien und Gold. Gesundheitsminister Spahn bat gestern  in Brüssel darum, dass man doch bitte die knapper werdende Schutzkleidung und Desinfektionsmittel dem medizinischen Personal überlassen möge. Auch sagte er, man wolle nicht hinnehmen, dass man Schutzkleidung nur dort kaufen könne, wo die höchsten Preise verlangt werden. Dem Gesundheitsminister muss man leider sagen, dass wir bis dato immer so gewirtschaftet haben. Ausgerichtet  auf Gewinnmaximierung. Da muss mancherorts erst umgedacht werden. Auf Dauer vielleicht doch wieder die alte Tauschwirtschaft? Klopapier gegen Kartoffeln. Die Leute mit dem gehorteten Desinfektionsmittel könnten ihren Schatz gar nicht profitabel vermarkten, wenn wir nur einfache Seife nähmen. Es ist unser Verhalten, das den Marktwert des Desinfektionsmittels bestimmt.

Und die Italiener? Was machen die? Jetzt, wo Südtirol ja seit gestern zum Risikogebiet erklärt wurde? 

Die lieben Nachbarn drohen jetzt in ihrer Isolation und ihren Virenferien komplett durchzudrehen. Sie drehen ihre Wasserhähne auf und was läuft da raus? Rotwein! Technische Panne, hieß es. Wer glaubt das denn? Ist etwa der Rotwein das Grundübel für Corona? Oder wurde eine neue Weinsorte kreiert, beste Lage aus den Hanglagen der Isolation. Oder doch  eher eine neue Verschwörungstheorie? Hier  ist  die  Auflösung.