Kleine Morias


in unseren Orten?

Die  Bilder von Lesbos  schockieren, überraschen jedoch nicht. 

Bei uns ist die Unterbringung der Geflüchteten in den Kommunen eine Riesenaufgabe, dabei haben viele Familien einen Aufenthaltstitel oder einige Jugendliche  sogar  einen Integrationsaufenthalt, weil sie erfolgreich die Schule durchlaufen haben. Andere haben Arbeit und sind besonders in unserer Region aus dem Gastronomiebereich nicht mehr wegzudenken. Eindrücklich nachzulesen sind  hier die Erlebnisse des Konstanzer Konzil-Wirtes.

Aber zurück zu den  Unterkünften. AGORA hatte hier über den Umzug der aus ihrer Wohnung vertriebenen Familie geschrieben.Ihr geht es übrigens auch dank netter Nachbarschaft inzwischen gut. AGORA hatte Kenntnis durch die Umzugs-Helfer aus Kressbronn über die Zustände in deren Unterkunft dort.

Es gab dann einen Kontakt mit Betroffenen, die mit ihrer kleinen Familie bald zu viert in einem Zimmer untergebracht sind. Wohl gemerkt, es handelt sich um eine Anschlussunterkunft, kein Heim. Die betreffenden Personen geben an, dass sie seit 2016 dort  leben. Das Baby soll Anfang Oktober kommen.

Im Moment noch Schlafplätze für zwei Erwachsene und ein Kind. Gegessen wird auch dort. Der Sohn ist im 2.Schuljahr.Wenn er schläft, müssen die Eltern auch schlafen. Das Baby kommt Anfang Oktober

AGORA hat dazu eine Presseanfrage mit einer Frist bis gestern an das Rathaus Kressbronn gemacht. Um noch Informationen aus dem Rathaus Kressbronn einarbeiten zu können, hat AGORA heute die Pressestelle angerufen, um an die Anfrage zu erinnern. Dort hieß es, es sei Urlaubszeit und man versuche noch zu antworten. Außerdem hätte ich ja bereits geschrieben. AGORA hat sich dann verkniffen, zu erwähnen, dass die Pressefreiheit es durchaus zulässt erneut  zu schreiben und niemand vorschreiben kann, wann und in welchem Rahmen geschrieben wird. Aber wenigstens ist dann klar, dass auch das Kressbronner Rathaus AGORA liest.

Die Fragen vom 8.9.2020 zu der Unterbringung, die heute nicht mehr beantwortet wurden, lauteten:

1. Wieviele Personen leben in dieser Unterkunft?

2. Ist es richtig, dass in einem Raum eine schwangere Frau mit Kind und Mann lebt?

3. Wie hoch ist die Miete für dieses Zimmer?

4. In welchen Abständen finden dort Besuche durch die Migrationsmanager statt?

5. Welche Anstrengungen wurden unternommen, für diese Familie eine Wohnung zu organisieren und seit wann?

6. Wem sind die Kellerräumlichkeiten ( Küche ) zuzuordnen?

7. Wer kontrolliert die technische Ausstattung? Gibt es regelmäßige Sicherheitsüberprüfungen?

8. Sind die Verhältnisse dort dem Gemeinderat bekannt?

Es sind eigentlich Fragen, die leicht zu beantworten wären. Die Pressantworten des derzeitigen GVV- E-K-L -Vorsitzenden Bürgermeister Krafft zu demThema Integration, die AGORA am 23.8.2020 gestellt hatte, sollen wegen des Urlaubs einzelner Mitarbeiter ab dem 13.9.2020 erfolgen.

Inzwischen hat nach Auskunft der Betroffenen das Rathaus Kressbronn Kenntnis über ein Attest, das belegt, dass sowohl die Gesundheit der Mutter als auch das Leben des ungeborenen Kindes unter den derzeitigen Wohnverhältnissen gefährdet sei.Auch hatte es wohl Handgreiflichkeiten von anderen Bewohnern auf die Schwangere gegeben. AGORA liegt der genaue Wortlaut des Attestes vor. Es ist nicht so, dass die kleine Familie nicht häufig mit dem Integrationsbeauftragten Meinel oder dessen Mitarbeitern über ihre Not gesprochen hätte. Die Not war bekannt.

AGORA hatte vor einigen Tagen ein Telefonat mit der Mitarbeiterin im Rathaus, die für die Notunterkunft zuständig ist. Es hieß, dass die Menschen selbst für die Zustände verantwortlich seien. Man würde immer wieder Putzkurse (!) anbieten. AGORA war vor Ort. Das ist keine Sache des Putzens. Die Unterkunft ist einfach marode und mit so vielen Bewohnern schon lange zu eng. . .

Was alles hat dies mit  Moria zu tun? Viel. Europa schaut als Friedensnobelpreisträgerin im Großen, Kommunen schauen im Kleinen weg. 

Der „Wir schaffen das“-Satz wurde in den  letzten  Tagen immer wieder zitiert. Wenn menschliche Zuwendung  vor Ort fehlt, schaffen wir das nicht! Wenn ein Verwaltungschef in LA über den Begriff „menschenunwürdige Unterkunft“ debattiert  und  Gemeinderäte wegen dieser Wortwahl maßregelt, dann fehlt eben diese „Humanitas“.

Dann sieht man im Geiste heute immer noch den antiken Philosophen Diogenes bei Tag auf  dem  Marktplatz  in Athen mit einer brennenden Lampe umherlaufen. Und man hört ihn auf die Frage, warum er das tue, antworten:“Ich  suche Menschen“. Heute würde Diogenes frustriert seine Lampe löschen.

Zum Schluss noch ein Hinweis in eigener Sache: Es gibt einen Konflikt in meiner Rolle als Helferin und Berichterstatterin. Ich habe mich entschieden diesen Konflikt zu benennen und der Menschlichkeit willen zwischen diesen Rollen hin und her zu switchen. Nur durch die Schaffung von Öffentlichkeit scheinen sich die Dinge zu ändern. Dieser Blog ist genau aus diesem Grund entstanden.

+++++Aktualisierung+++++

Nach Auskunft der Betroffenen wurden sie gestern gegen Mittag ohne Ankündigung „umgesetzt“. Der Integrationsmanager und eine Mitarbeiterin des Rathauses hätten vor der Tür der alten Unterkunft gestanden.Man habe ihnen gesagt, dass sie ihre Sachen packen sollten. Sie würden umziehen. Keine Erklärungen.Es ging dann in eine andere Unterkunft wieder in ein kleines Zimmer.

12.9.2020, 9.42 Uhr