Der Missbrauchs-Prozess

Ratzingers Brief und die Erinnerungslücken der Kirche

Showdown im Missbrauchsverfahren vor dem Landgericht Traunstein:

Die Anwälte des Erzbistums München und Freising stellen die Aussage des Klägers Andreas Perr in Frage. Ein Versteckspiel um ein geheimes Dokument von Kardinal Ratzinger stellt die Glaubwürdigkeit des Erzbistums in Zweifel, sowohl in dem Verfahren in Traunstein, als auch in einem weiteren Missbrauchsfall. CORRECTIV recherchiert seit langer Zeit zu dem Thema. HIER

:Die Recherchegeschichte von Senior-Reporter Marcus Bensmann bei CORRECTIV bis hin zur “Traubensafterlaubnis“ erreichte AGORA-LA in den Tagen vor Ostern:

Die Recherche zu diesem Missbrauch begann 2018 in Bottrop. Wir arbeiteten an dem Skandal der Alten Apothekeund den gestreckten Krebsmedikamenten. Neben der Apotheke hatten wir ein Ladenlokal angemietet, und die Menschen, die vom Apotheker um ihre Heilungschancen gebracht wurden, besuchten uns. Sie waren Opfer eines Verbrechens aus dem Vertrauen heraus. Dann stand ein Mann in unserer Ladenredaktion, der Opfer eines anderen Vertrauensbruchs geworden war. 
Markus Elstner berichtete, wie ihn in den 1970er Jahren der örtliche Pfarrer missbraucht hatte. Es handelte sich um den berüchtigten Peter H., über den die New York Times 2010 berichtet hatte, und der damals in Bottrop in der Kirche direkt gegenüber der Apotheke die Messe las. Dann folgte ein Hinweis in den Kirchenakten des Bistums Essen. Während sich die Welt nach der Verantwortung des deutschen Papstes Benedikt XVI. in seiner Zeit als Münchner Bischof für die Versetzung des Priesters H. nach Bayern fragte, hatten wir eine andere Spur. 
Wir hatten Hinweise auf eine weitere Verstrickung in der oberbayerischen Gemeinde Garching an der Alz. In Kirchenakten behauptete H., er habe Ratzinger in dessen Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation dort getroffen. Es begann eine Recherchereise nach Oberbayern, in das katholische Herzland mit Zwiebeltürmen, durch Wirtshäuser, zu Bittbüchern in Kapellen und Pfarrnachrichten im Gemeindehaus. Das schreckte die Gemeinde zunächst auf. Erst gab es Ablehnung, dann folgten Gespräche, danach gründeten einige Menschen die Bürgerinitiative Sauerteig und halfen mit, das Geheimnis von Ratzinger in der oberbayerischen Gemeinde zu ergründen. 
Nach jahrzehntelangem Schweigen wandten sich immer mehr Opfer des Priesters an CORRECTIV. Andreas Perr ist einer von ihnen und verklagt das Erzbistum von München und Freising vor dem Landgericht Traunstein auf Schmerzengeld, unterstützt von der Initiative Sauerteig, die für die Gerichtskosten in einem Crowdfunding sammeln
Vor einem Jahr lüfteten wir ein Geheimnis. Wir entdeckten die Traubensafterlaubnis, die die persönliche Verantwortung von Ratzinger für den Einsatz des wegen Kindesmissbrauchs verurteilten Priesters H. zeigte. Das Dokument schlummerte jahrzehntelang in den Akten des Erzbistums. So viel zum Aufklärungswillen der Kirche.
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