Will man das?
Ein normaler Mittag in Friedrichshafen. Eigentlich möchte man nur eine warme Suppe nach dem Gang bei herbstlichen Temperaturen über den Freitagsmarkt. Es heißt anstehen, andere wollen ebenfalls einen warmen Löffel, woanders auf der Welt bleiben die Schüsseln leer.
Der Herr vor mir bestellt an der Theke, die Bestellung ist akustisch schlecht zu verstehen. Der junge Mann hinter dem Tresen fragt daher nach. In dem Moment vollzieht der andere vor dem Tresen einen bühnenreifen Tanz, gefällt sich in der Rolle des Rumpelstilzchens und ruft völlig außer sich: „Nur noch Ausländer, keiner kann Deutsch …!“ Dabei vollzieht er wutschnaubend akrobatische Verrenkungen, stampft mit dem Fuß auf, und die Haut seines Gesichtes nimmt die Farbe einer reifen sonnengebadeten Tomate an. Er scheint kurz vor dem Platzen. Ein Notfall? Eigentlich schon.
Der junge Mann hinter dem Tresen ist fassungslos, serviert ihm wortlos die Bestellung, der Rotkopf bewegt sich samt gefülltem Weinglas in Richtung Terrasse. Allerdings hat er nicht mit mir als Hinterfrau in der Reihe gerechnet.
Ich stelle ihn zur Rede, ob er es ernst meine mit seiner Verbalattacke? frage ich. Er schnappt nach Luft und beharrt: „Die Ausländer überall, viel zu viele…!“ Schließlich schiebt er ab. Ich folge ihm nach einer Weile. Ich frage erneut. Die Farbe im Gesicht des Wüterichs ist inzwischen etwas verblasst, er könne sich nicht daran erinnern, was er gesagt habe. Außerdem käme er aus der Schweiz, er sei auch kein Deutscher, entschuldigt er sich.
Und der junge Mann hinter der Theke? Er ist nicht der Einzige, der dort mit Akzent Deutsch spricht, wer arbeitet schon gern als Deutscher in der Gastro? Ihm ist das Ganze sichtlich unangenehm, er rechtfertigt sich, er habe den Mann beim besten Willen nicht verstanden. Es sollte wohl Wurstsalat heißen. Kein leichtes Wort für einen Schweizer vielleicht! Er sei stolz, dass sie alle, im Besitz unterschiedlicher Pässe aus Europa und anderen Teilen der Welt, den Laden schmeißen. Wer wolle es denn sonst noch tun, gibt er zu bedenken.
Die restliche multikulturelle Mannschaft an der Theke mit ihren bunten Pässen ist ebenfalls empört. Sie erzählen, dass sie schon häufiger entsprechende Erlebnisse hatten, aber nicht so offensichtlich hemmungslos! Es sei nicht so schlimm, sie könnten damit umgehen.
Sorry, das müssen sie nicht, so etwas darf in Deutschland oder in der Schweiz nicht salonfähig werden, damit muss man nicht umgehen können! Das wäre der Anfang vom Ende: Öffentliche Stigmatisierung ohne Widerspruch, Unsagbares wird wieder sagbar? Wir und die anderen ohne deutschen Pass? Will man das?
Ich nicht, hoffentlich andere auch nicht! Manche leider schon!
Passend zum Thema:

Bildinfo zum Beitragsfoto: (c) von AGORA-LA aus der Ausstellung in Schloss Achberg (vgl. hier) Das Original aus der Ausstellung mit dem Titel „German Angst“ finden Sie hier. Das ist der erklärende Text von Super Vivas (Deutsche Übersetzung):
Deutsche Angst
In dieser Arbeit setzt sich das Künstlerduo mit der aktuellen einseitigen Debatte über Migration auseinander, die stark von Angst und Panik geprägt ist. Das Objekt stellt einen deutschen Pass dar, der Gänsehaut hat. Im Englischen bezieht sich „Angst“ (Germanismus) auf Zögern oder eine allgemeine Angststörung und ist vom Begriff „Fear“ (Furcht) zu unterscheiden.
Kommentar verfassen