Leserzuschrift


aus der mündigen Bürgerschaft

Die Redaktion Agora-La hat von einem(r) Bürger*in aus Langenargen eine sehr eindrückliche literarische Leserzuschrift zum Thema Bürgermeisterwahl erhalten. Der Verfasser möchte nicht genannt werden, ist dieser Redaktion aber bekannt. Das bewegende Stimmungsbild verwendet die im Ruhrgebiet bekannte Kunst- und Comic-Figur „Putzfrau Walli“ oder auch „Oma Wally“, die von verschiedenen Kabarettisten genutzt wird. Der Text ist streckenweise in der Form eines inneren Monologs verfasst.

Links: „Putzfrau Walli“ „Oma Wally“


Frau Walli hat Fragen zum Wahlkampf 

Schaue ich heute in die USA, frage ich mich, wo bei uns Fairness im Wahlkampf stehen. Ok, in den USA scheinen Niveau, Etikette, Umgangsformen und Kommunikation anders bewertet zu sein. Wir aber sind doch in Langenargen? 

Höre ich doch oft die Äußerung: „Ich wünsche mir einen Bürgermeister, dem ich gerne begegne und der mich grüßt.“ Oder: „Er grüßt mich seit kurzem. Acht Jahre lang hat er es nicht getan!“ 

Ach, was wären wir ohne die leckeren Kerlchen in der Politik … und dann sogar mit guten Manieren, vielleicht aus guter Kinderstube? Herr Kurz etwa in Österreich, schlank und rank. Er drückt sich verständlich aus. Vorbild für die Jugend? Ja, genau die Jugend. Ab 16 Jahre darf sie wählen, also dann mal ran an die Urne. 

Noch mal zum Grüßen: Wir durften gefühlt 500 Pressebilder pro Jahr von unserem Bürgermeister ansehen, meist in dem einzigen Zeitungsblatt, das es hier am Ort noch gibt. Plus einer Vielzahl an Festschriften. Also ein „ewiger Gruß“. 

Und dann landet noch ein Wahlflyer im Briefkasten. Auf dem prangt das Schild: „Werbung einwerfen verboten“.  

Apropos Werbung: Wer finanziert denn diesen Wahlkampf des Bürgermeisters? Druck, Anzeigen, Austragen etc.?

Die Partei, vermute ich. Die stand ja auch wie ein Bollwerk von Personenschützern, FBI o. ä. um den Wahlstand des Bürgermeisters auf dem Markt. 

Wollten die damit die Bürger fernhalten? Oder sollte es eine Machtpose sein? Der Herrscher muss beschützt werden … vor dem fragenden Volk? 

Hm, ist mir nicht so klar geworden, war aber auf jeden Fall sehr eindrucksvoll inszeniert. Hab‘ ja sogar ich gemerkt. 

Aber Walli, werd‘ nicht zynisch.

Noch mal kurz zurück zu der Finanzierung: Höre, Herr Münder hat verschiedene Unterstützer aus freien Bürgern, Unternehmern, Parteien etc. Ist das in einer Demokratie verboten? Kann der Bürger – ob Tierschutz, Umweltschutz oder Kandidat – sein Geld nicht sinnbringend anlegen? Bleibt nicht auch ein Mitglied einer Partei noch ein freier Bürger? Geld soll man ja auch einsetzen statt horten.

Dann hört man immer wieder: Es wurde so toll gewirtschaftet! Aha. Ja, die Kassen sind voll. Steuern und Gebühren flossen üppig, von selber. Da konnte ein Ratsherr selbstverständlich aus dem Vollen schöpfen.  

Stopp: Die Friedhofsgebühren wurden drastisch angehoben. Das ist tatsächlich sein Verdienst. So stellt sich das Sterben in Langenargen bald als Sache der Reichen dar. Wer kann seinen lieben Verstorbenen denn noch in der Aussegnungshalle aufbahren lassen, um würdevoll Abschied zu nehmen? Also nix wie rein mit der Oma in die Urne. 

Gut, dass nun der neue Teil im Friedhof gestaltet wird. Die Bürger dürfen auf vielen, neuen Bänken sitzen und die Bepflanzung mit Thuja bewundern. Plätze, die sich hervorragend für die artgerechte Bepflanzung im öffentlichen Raum eignen. Würden. Aber Langenargen setzt auf Gehölz, das für Insekten untauglich ist. Unsere wilden Rosen verschwanden aus dem Ortsbild. 

Aber genug jetzt, Walli, denn nun können wir Bürger Eichen und andere heimische Bäume in unsere Gärten pflanzen. Eine Aktion der Gemeinde. Derselben. 

Ach ja und waren da nicht viele Euronen in Bienenhäuser investiert worden? Aber macht ja nichts. Die Bienen verhungern dann halt vor den Häuschen. Kurz nach der Wahl dieses Bürgermeisters verschwanden die wenigen Blumenwiesen am Bahnhof und an anderen Plätzen. Zu teuer? Ailingen, Eriskirch, Kressbronn haben sich das trotzdem geleistet.  Ja, die Walli kommt rum im Ländle.

Aber jeder Ratsherr möchte sich auch Denkmäler für die Ewigkeit bauen. 

Pfui, Walli, da musst du einfach toleranter werden. 

Aber es sind doch „Denkmäler“: all die Lampen, Bänke, unsinnige Sitzecken vor Elektrohäuschen, die Toilettenanlagen mit den enormen Folgekosten. Unsere Straßenschilder hatten früher so richtig Charme. Darüber kann man nur noch Tränen verlieren. Denn heute steht man vor dem neuen leuchtenden Schilderwald mit den vielen Wegweisern: m o n u m e n t a l ! 

Und wurde nicht die Skulptur vor der Oberdorfer Schule mit privaten Spenden finanziert? Warum erwähnt man das dann als eigenen Verdienst? Macht nichts, wir können ja höflich nachfragen.  Ach, wie könnt ich ewig jammern.

Walli, reiß dich zusammen!

Verschwenderitis: In Zeiten voller Kassen und der großen Zuschüsse von EU, Bund und Land ist das tatsächlich eine Art Entzündung. Und dann noch ein Eigenlob, weil Laptops für die Schule angeschafft wurden. Ja, hat der Bürgermeister diese denn selbst bezahlt? Oder vielleicht doch das Land Baden-Württemberg in Corona-Zeiten für die notwendige Online-Beschulung ? 

Aber ich muss doch noch einmal nachkacheln, sorry: Barrierefreie Zugänge zu öffentlichen Gebäuden – ist es nicht eine Selbstverständlichkeit, dies umzusetzen? Abgesenkte Bürgersteige und Wegenetze für sehbehinderte Bürger? Alles bezahlt aus der Gemeindekasse? Und alles Wohlwollen des Bürgermeisters? Ist das nicht auch Teil der Landesbauverordnung, der EU-Verordnung zur Gleichstellung und Teilhabe? „Man“ müsste es recherchieren. Warum recherchiert das keiner?

Das alles, was jetzt im Wahlkampf verkündet wurde, hört sich für den normalen Wähler wirklich so an: ein Verdienst! Ein Verdienst nur vom Bürgermeister. Aber wir sollten das genauer hinterfragen? Im Wahlkampf könnte das falsch verstanden werden? Wer eigentlich wirklich was tatsächlich leistet. 

Und dann noch die alte Apotheke mit dem Denkmalschutz. Hat am Münzhof auch keinen interessiert, also der Denkmalschutz. Jetzt also mit Plastik-Alufenstern und Neonschrift … Aber Gott sei Dank gehört das Apothekerhaus ja nicht der Gemeinde, oder etwa doch? 

Walli, jetzt reicht‘s aber bald! Du bist eine alte Meckerziege. Also frei nach dem Motto: Es lebe die Demokratie und Presse- beziehungsweise Meinungsfreiheit. 

Aber stopp: ein Wechsel im Rathaus? Das könnte ja die Vorteile (bestimmter) Einzelner schwächen oder zum Nachteil (bestimmter) Anderer führen? 

Könnte ein neuer Bürgermeister Transparenz schaffen, Dinge aufdecken oder andere nicht mehr ermöglichen? Gäbe es dann wirklich Demokratie? Sogar für alle? So richtig aus dem Lehrbuch? 

Die Wahl: Bitte macht es nach eurem Herzen und Gewissen! Möge die Gerechtigkeit siegen! Fragt, was euch am Herzen liegt. Vielleicht bekommt ihr eine Antwort. Oder ihr wisst es in eurem stillen Kämmerlein schon lange? 

Und somit ende ich brav mit zwei Weisheiten von Abraham Lincoln: „Man kann einige Menschen die ganze Zeit und alle Menschen eine Zeit lang zum Narren halten; aber man kann nicht alle Menschen allezeit zum Narren halten.“ Und gleich noch eins: „Willst Du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.“ 

Und immer das Kreuz, Entschuldigung: das Herz auf dem richtigen Fleck.
Bleibt gesund!

Es grüßt Euch

Eure Wally

AGORA MACHT PAUSE BIS MORGEN ABEND!

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