Kein schützendes Dach


Obdach in LA 

AGORA ist entsetzt und schämt sich für die Gemeinde. Ich schreibe bewusst als  Betroffene weiter in der ersten Person, weil die eigene Betroffenheit in diesem Fall einen Wechsel des Personalpronomens nötig macht.

AGORA hatte hier im letzten Oktober wieder einmal  über die Obdachlosenunterkunft  in der  Unteren  Seestr. 110/1 berichtet. Seit knapp drei Wochen ist eine Familie mit 6 Kindern und  einem erwachsenen  Sohn dort eingezogen.

In 2018 hatte ich mich bereits an die Öffentlichkeit  gewandt und die unhaltbaren Zustände dort damals dokumentiert. Es schien eigentlich klar, dass in dieser Baracke niemand und schon gar keine Familie mit minderjährigen Kindern unterzubringen ist. Die Gemeinde hätte seit Auszug der Familie in 2018 zwei Jahre Zeit gehabt, die Unterkunft für eventuelle Notfälle herzurichten. Das ist nicht geschehen. Ich habe die Familie, die jetzt dort wohnt, besucht.

Das damals von Schimmel befallene Bad ist jetzt abgeschlossen und vermutlich nicht instandgesetzt worden. Es gibt in einem der Zimmer eine weitere Dusche, die jetzt für alle zu benutzen ist. Sie ist integriert in einen Wohn/Schlafraum. Die einzige Toilette entspricht in keiner Weise unseren zivilisatorischen Ansprüchen. Alle Bilder, die damals in 2018 gemacht  worden sind, sind mit den aktuellen Bildern identisch. Die Toilettensituation ist neu, aber nicht besser:

Alle anderen Bilder entsprechen denen hier. Nichts hat sich geändert. Geradezu zynisch wirkt der Passus in der Satzung der Gemeinde zu den Obdachlosenunterkünften (Belegungszahlen und Nutzungsgebühr s. Anlage 1 und 2):

Der Benutzer der Unterkunft ist verpflichtet, die ihm zugewiesenen Räume samt dem überlassenen Zubehör pfleglich zu behandeln, im Rahmen der durch ihre bestimmungsge- mäße Verwendung bedingten Abnutzung in Stand zu halten und nach Beendigung des Benutzungsverhältnisses in dem Zustand herauszugeben, in dem sie bei Beginn übernommen worden sind. Zu diesem Zweck ist ein Übernahmeprotokoll aufzunehmen und vom Eingewiesenen zu unterschreiben. 

Veränderungen an der zugewiesenen Unterkunft und dem überlassenen Zubehör dürfen nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Gemeinde vorgenommen werden. Der Benutzer ist im Übrigen verpflichtet, die Gemeinde unverzüglich von Schäden am Äußeren oder Inneren der Räume in der zugewiesenen Unterkunft zu unterrichten. 

Das  Übernahmeprotokoll, das beim Einzug dieser Familie entstanden sein muss, dürfte interessant sein.

Wir  brauchen uns  über  die  Unterbringung  der Arbeiter*innen bei Tönnies nicht  aufzuregen:

Schimmel und Ungeziefer in der Obdachlosenunterkunft gibt es unter unser aller Augen in der Verantwortung einer Kommune, die dafür eine Miete bekommt. Die Verantwortlichen schauen weg, weil sie wissen, dass die Betroffenen sich nicht wehren können. Dass Wohnraum für die  Geflüchteten seit Jahren in der Gemeinde gesucht wird, ist bekannt. Andere Kommunen kennen das Problem auch. Die Schwäbische Zeitung berichtet heute hier. Keine Frage, es ist nicht einfach, wenn für Grund und Boden in LA inzwischen Quadratmeterpreise bis zu 1000 Euro verlangt werden.

Ein Konzept für die Unterbringung und sozialer Betreuung dieser Menschen, die einen Aufenthaltstitel haben, die hier arbeiten, zur Schule gehen und ein leider vernachlässigterTeil  unserer Bürgerschaft geworden ist, gibt es in LA nicht. Integration hat hier versagt. Das Integrationsmanagement ist seines Namens unwürdig, die Unterkunft menschenunwürdig. Da nützen auch die Jubelberichte zur Integrationsarbeit der Schwäbische Zeitung hier und hier nicht. Da kann man sich nur fremdschämen für alle, die tagtäglich an dieser Behausung vorbeifahren, ohne sich um die dort lebenden Menschen zu kümmern. Das Elend ist sichtbar, man muss nur mal den Mut haben, die Ausgegrenzten zu besuchen. 

Acht Menschen, die dort mit ihren Habseligkeiten abgeladen wurden, die teilweise Arbeit haben, zur Schule gehen, Sprachkurse absolviert haben und seit  5 Jahren hier leben. Mitten unter uns in einem maroden Haus, von dem Bürgermeister Krafft bereits  2014 in der Schwäbischen Zeitung  sagte: 

 „Wenn Sie das ehemalige Tennisheim von früher kennen, behalten Sie es in guter Erinnerung.““ Bürgermeister Achim Krafft hat bei der Informationsveranstaltung am Montag deutlich gemacht, dass die Baracke in der Unteren Seestraße weder qualitativ, noch quantitativ geeignet ist, Menschen angemessen unterzubringen,“ so die Schwäbische Zeitung von damals weiter.

Wie ist das mit Teilhabe? Wie  werden die Interessen dieser  Menschen, die seit Jahren unter uns leben, vertreten? Bestimmt  nicht in der kommenden Einwohnerversammlung. 

Was fehlt, sind auch hier Konzepte und qualifiziertes  Personal, das nicht nur den  Mangel  verwaltet. Seit 2018  hätte  man diese  Baracke für  eventuelle Notfälle  längst  herrichten  können oder ganz neu bauen müssen. . . .

Inzwischen hat Hauptamtsleiter Bitzer  auf Nachfrage  von AGORA gestern beruhigt, dass die  Unterbringung nur bis Mitte August vorgesehen sei. Das Integrationsmanagement  werde erst ab Montag zu weiteren Presseanfragen Stellung  beziehen können.

Aus der vorübergehenden Unterbringung der Familie damals in der Baracke 2016 wurden letztlich wiederum zwei Jahre. Erst durch die Schaffung von Öffentlichkeit gab es 2018  eine Lösung. Die wiederum ist auch nur vorübergehend, weil das Haus, das auf dem Grund einer  Baugesellschaft steht, eigentlich längst hätte abgerissen werden sollen. So lange hangelt man sich mit befristeten Mietverträgen mit der Baugesellschaft, die alle drei Monate verlängert werden, durch. Irgendwann wird dort gebaut und auch diese Familie ist wieder obdachlos. Das ist jetzt schon absehbar. Auch im Heckenweg gibt es Probleme. Dort wartet eine dreiköpfige Familie schon lange auf Hilfe. Es kommt hinzu, dass es in vielen Fällen im direkten Umfeld Probleme mit rassistischen Äußerungen aus der Nachbarschaft gibt. Der sog. Alltagsrassismus ist auch in LA ein Problem. AGORA liegen die Äußerungen der Betroffenen vor. Integration ist zweifellos eine Riesenaufgabe für die Kommunen, nur man muss mal darüber reden.

Da haben es die Insekten in ihrem Hotel bei uns besser, falls sie nicht gerade nach langem Leerstand im Dachstuhl der Baracke die zarte Kinderhaut entdeckt und durch ihre Stiche massive Entzündungen bei dem zweijährigen Mädchen hinterlassen haben. „Sie kommen immer nachts von oben,“ sagte einer der Jungen, den ich gestern Morgen völlig übermüdet an der Bushaltestelle auf dem Weg zur Schule traf.

Der Flüchtlingsrat ist inzwischen informiert. LA ist dort leider nicht unbekannt.

  1. „Wenn Sie das ehemalige Tennisheim von früher kennen, behalten Sie es in guter Erinnerung.““ [Spöttisch oder sarkastisch?] Bürgermeister Achim Krafft hat bei der Informationsveranstaltung am Montag deutlich gemacht, dass die Baracke in der Unteren Seestraße weder qualitativ, noch quantitativ geeignet ist, Menschen angemessen unterzubringen,“ [und trotzdem wurde es getan]… wird bei Agora zitiert. Lippenbekenntnisse und Händeschütteln mit „Friede sei mit Dir“ scheinen in diesem Kontext pure Heuchelei! Nix mit Nächstenliebe. Pure Gier oder moralisches Prekariat?
    Als Diener für manche Hotels benötigt man keine bürokratischen Papiertiger. Es ist Zeit für eine*n Bürgermeisterkandidaten*in aus der Mitte der Lebenswirklichkeit. Dieses Amt braucht keine Amtsverweser oder Profilneurotiker! Dazu muß auch keiner im Anzug durch Dorf wandern. [Es war uns schon immer suspekt, wenn die Diener vornehmer als die Herrschaft sein wollen].
    Das hier jedoch ist nur der letzte Tropfen ins Faß. Erinnern wir uns an den unsäglichen Logo-Zirkus und unzählige weitere tiefe Mißgriffe… Nach dem Entsetzen über das multiple kommunale Versagen, bleibt nur der unwiderrufliche Entschluß diesem „Bürgermeister“ abzuwählen, d.h. für einen alternativen Kandidaten zu stimmen.Das Leiden muß ein Ende haben!

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