Antwort zum Leserbrief von Ulrich Ziebart


von E. Fendi

Der Leserbrief zu dem Beitrag „Gemeindeentwicklung 2040 – Nach Gefühl?eröffnet eine Diskussion, die bisher in Langenargen so nicht oder kaum stattgefunden hat. Die Diskussion ist überfällig und daher notwendig.

Folgende Kommentare zu dem Leserbrief:

  1. Die Redaktion AGORA-LA hat im Nachsatz zu dem Leserbrief bereits ausgeführt, dass die Daten für die die Grafik „Bevölkerungsvorausberechnung“ dem Datenmaterial des Statistischen Landesamtes BW zwecks Visualisierung entnommen worden sind. Es ist sicherlich unstreitig, dass der Datenerhebung und den Berechnungen des Statistischen Landesamtes wissenschaftliche Standards zugrunde liegen, die allgemein anerkannt sind, die zu tragfähigen Ergebnissen führen und somit eine gute Basis für Diskussionen und Entscheidungen sind. Dies bedeutet, dass das Ergebnis der Bevölkerungsvorausberechnung „Langenargen wird bis 2035 weder nennenswert wachsen noch schrumpfen“ sich mit guter Wahrscheinlichkeit in der Realität so einstellen wird.
  2. Die Belegungsdichte (Einwohner je Wohnung) ist keine geeignete Kenngröße, um zusätzlichen Wohnraumbedarf zu begründen und durchzusetzen. 

Leitet man aus dem Vorbericht zum Haushaltsplan 2021 (TOP4) die Belegungsdichte (Einwohner je Wohnung) ab und verbindet zwei Extremwertepaare – 2010 (1,98 EW/WHG) und 2019 (1,84 EW/WHG) – dann führt das im vorliegenden Fall zu einer negativen Steigung, bildet jedoch keinen Trend, wie er aus einer größeren Datenmenge ermittelt werden kann, ab.

Das Statistische Landesamt BW stellt die Belegungsdichte (Einwohner/Wohnung) in Langenargen als Tabelle zur Verfügung hier. Aus der Tabelle ist abzulesen, dass die Belegungsdichte in dem Zeitraum 2004 bis 2020 mit einer Ausnahme in 2010 zwischen 1,8 und 1,7 schwankt und deshalb für den zurückliegenden 16 Jahre-Zeitraum als konstant zu bewerten ist.

Rechnet man selber, dann wird eine Spreizung erst in der zweiten und dritten Nachkommastelle sichtbar. Die Belegungsdichte schwankt um einem Mittelwert von 1,768 Einwohner/Wohnung mit maximal 0,087 Einwohner/Wohnung nach oben und 0,073 Einwohner/Wohnung nach unten. Dies bedeutet mehr oder weniger Konstanz; zwei oder drei Nachkommastellen suggerieren nur Scheingenaugigkeit. Aus diesen Daten und Zahlen, einen zusätzlichen Wohnraumbedarf abzuleiten, ist – mit Verlaub – eher ein Griff in die Trickkiste der Rhetorik.

Das folgende X/Y-Diagramm zeigt die Details (alle Daten Stat. LA BW):

(c) AGORA-LA

Will man jedoch unbedingt mit der Scheingenauigkeit operieren und argumentieren, dann führen die gleichen Daten, anders dargestellt, zu dem Eindruck, dass eine niedrige Belegungsdichte eher mit einer kleiner werdenden Bevölkerung einhergeht. Wozu dann neuer, zusätzlicher Wohnraum? Ist der vorhandene Wohnraum nicht ausreichend? 

Hier die Details und das Diagramm:

(c) AGORA-LA
  • 3. Der erwähnte Vorbericht zum Haushaltsplan 2021 betont, dass viele junge Familien keinen adäquaten Wohnraum finden und wegziehen (was unstrittig ist; im Mittel etwa 255 Personen pro Jahr) – weshalb die Schaffung von neuem Wohnraum (Fettdruck) ein großes Ziel sein müsse. Es ist nicht zu tolerieren, dass im Vorbericht nur weg- und nicht zuziehende junge Familien Erwähnung finden. 

Und es wäre (oder ist) schlimm, erhielten die Adressaten des Haushaltsplanes keine weiteren Daten/Informationen zum Thema Wohnraumbedarf . Ärgerlich ist es, wenn die in Fettdruck geschriebene Formel „Schaffung von Wohnraum“ nicht hinterfragt und aufgrund eigener subjektiver Wahrnehmung als selbstverständlich verinnerlicht wird. 

Damit entsteht der Eindruck, dass hinter den dürren Worten „Schaffung von neuem Wohnraum“ politisches Kalkül, mit dem Partikularinteressen durchgesetzt werden sollen, steckt.

  • 4. Der Hinweis, dass die Nachfrage das Angebot eklatant übersteigt (was auch völlig unstrittig ist) und deshalb die Preise so sind, wie sie sind, ist nicht hilfreich. Die Notwendigkeit eines neuen, zusätzlichen Wohnraumangebotes kann damit nicht begründet werden. Auch wenn der Preis eine Funktion von Angebot und Nachfrage ist, ist es dennoch höchst unwahrscheinlich, dass durch ein weiteres, neues Wohnungsangebot der Preis nach unten korrigiert werden könnte.
  • 5. Dass die Mietkosten (und Grundstückspreise) hoch sind, kann man heute beklagen. Waren/sind da nicht alle beteiligt? Die Veräußerer einer Immobilie, eines Grundstücks, die den besten Preis realisieren wollen, die Investoren, die eine Schippe Geld drauflegen können, weil sie wissen wie ein Grundstück trickreich maximal in Länge, Breite und Höhe mit Penthouse oben drauf profitsteigernd bebaut werden kann und dabei von der Verwaltung entsprechend begleitet werden? Es scheint notwendig, dass Interpretations- und Auslegungsspielräume des Baurechts auch von der Verwaltung und den Gremien zur Bewahrung des Charakters von Langenargen angewandt und durchgesetzt werden müssen.
  • 6. Bezahlbarkeit: Als vor wenigen Jahren für die Bebauung des Mooser Weg  geworben wurde, wurde aus dem Publikum gefragt, ob junge Familien das überhaupt bezahlen können. Die Antwort war verblüffend – es ist herausfordernd, aber es geht, da muss eben die ganze Familie ran. Hauptsache bauen können.
  • 7. Es ist denkbar, dass es auch in Langenargen künftig mehr Single-Haushalte (Belegungsdichte gegen 1 (Einwohner/Wohnung)) geben könnte. Aber das muss nicht zwangsläufig ein neuen, zusätzlichen Wohnraumbedarf hervorrufen. Single-Haushalte erfordern eher kleinere Wohnungen. Dann sollte (auch bei Ersatzinvestitionen) statt einer großen Wohnung künftig zwei kleinere Wohnungen geplant und genehmigt werden.

Eine Antwort auf die Frage, ob es künftig einen signifikanten Bedarf an Single-Wohnungen oder mögliche Auswirkungen einer Soziostruktur  gibt, hätte beispielsweise durch eine geeignete Vorgehensweise mit Hilfe  einer Szenariotechnik im Zuge der Erstellung des Gemeindeentwicklungskonzeptes 2040 beantwortet werden können. Die von der beauftragten Firma Wüstenrot gewählte Vorgehensweise lässt Antworten auf diese und andere strategische Fragestellungen am Zeithorizont 2040 nicht erkennen. Aber das ist ein anderes Thema. 

  • 8. Zweifelsfrei wird es Bedarf an speziellem Wohnraum geben. Zum Beispiel für eine älter werdende Gesellschaft. Die Unterbringung von Saisonarbeitskräften in Gastronomie- und Beherbergungsbetrieben ist ein Problem (an deren Lösung sicherlich die Kommune wie auch die Betriebe beitragen müssen). Einige hier am Ort beschäftigte Einpendler würden gewiss gerne auch am/im Ort wohnen wollen. Gleichwohl wird der IT-Ingenieur aus Flensburg den gutbezahlten Job in Langenargen nicht deshalb ablehnen, weil er – wie viele andere in der Republik – eine tägliche Anreise in Kauf nehmen und im Hinterland wohnen muss.

All dies sind berechtigte Einzel- und Sonderfragen, die beantwortet werden müssen. Eine pauschale, undifferenzierte Forderung „Schaffung von neuem Wohnraum“ ist damit nicht zu begründen.

  • 9. Langenargen hat eine deutlich über dem Landesdurchschnitt liegende Bevölkerungsdichte (siehe Vorbericht zum Haushaltsplan), die bei weiterer Bebauung entsprechend zunehmen würde. Die damit verbundenen Nachteile sollten jeden Langenargener sensibilisieren. Investoren interessiert das jedoch nicht. 

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