Aufforderung zum Tanz?


Mediale Verantwortung in Pandemiezeiten

Die Schwäbische Zeitung hat bekanntermaßen einen Mantel- und einen Lokalteil. Auf der Seite 11 im Mantelteil der Papierausgabe ist heute eine große Anzeige des Bundesgesundheitsministeriums mit der Überschrift „Jetzt mehrfach schützen“ zum  Impfen und  Auffrischen, aber auch zu den AHA-Regeln geschaltet. 

Im Lokalteil auf Seite 16 ( Papierausgabe, in der Online- Ausgabe im Moment nicht zu verlinken ) wird auf eine Veranstaltung in Kressbronn unter der Überschrift: „Werft 1919 lädt ins „Winter Wonderland“- Eislaufbahn, Musik und Kulinarik zaubern Weihnachtsatmosphäre in der Halle 1“ hingewiesen.

Wohlgemerkt: Es handelt sich um die Berichterstattung der Schwäbischen Zeitung, es ist keine Werbeanzeige. „ Nach monatelanger Planung haben die Gastronomen damit jüngst ihren nächsten Coup gelandet:‘ Nach der Saison ist  vor der Saison. Bereits im Sommer haben wir uns darüber Gedanken gemacht, wie wir vor allem unsere einheimischen Gäste auch in der kalten Jahreszeit mit neuen und frischen Ideen überraschen und willkommen heißen können. Unser Motto: Es muss einfach knallen und außergewöhnlich sein.‘“ So wird der Gastronom Emanuel Unser in der Schwäbischen Zeitung zitiert. Eingebaut wurden Eisbahn und Diskokugel erst vor kurzem, so berichtet der Gastronom der Schwäbischen Zeitung.

Da fragt man sich ja schon als Leser in Pandemiezeiten, warum berichtet die Schwäbische Zeitung darüber? Warum macht sie sozusagen eine kostenlose Werbung für ein Zusammenkommen von Menschen, die zwar unter 2G -Bedingungen ins Restaurant mit Diskokugel und Eislauffläche gehen und sicher auch kontrolliert werden? Möglicherweise stehen sie aber doch im Pulk bei Glühwein, Apfelpunsch oder auch Haselnusswaffeln und Dinnete zusammen und man vergisst die Abstände. Wir wissen doch inzwischen, dass es nicht ganz risikolos ist, sich auch unter 2G -Bedingungen zu treffen.

AGORA-LA hat heute bei Emanuel Unser, dem Chef-Gastronom, nachgefragt. Das Ordnungsamt habe die Veranstaltung genehmigt, es gäbe im Gastrobereich außer 2G keine Grenzen. Das Areal vor und hinter der Halle liege in der Verantwortung der Kommune. Wieviele Menschen kommen dürfen, wurde in dem Telefonat mit Unser nicht klar kommuniziert.

Der Bodenseekreis steht im „The Länd“ mit einer Inzidenz von 836,2 im Ranking um die höchste Inzidenz knapp hinter dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Also fast an oberster Stelle. Hier.

Das hat Lothar Wieler, der Chef des RKI, in der Pressekonferenz gestern mit Blick auf die gemeinsam zu leistende Anstrengung zum Schluss gesagt: „Als ob unser Leben davon abhinge.“

Nach Minute 15.20 fällt der Satz

 

Zu dieser gemeinsamen Anstrengung gehört auch, dass eine seriöse Tageszeitung nicht auch noch so werbend berichtetet, dass vielleicht viele Menschen in diesen Zeiten zu einem „Winter Wonderland“ angelockt werden.Das könnte ein Tanz auf dem Vulkan werden. Wenn Weihnachtsmärkte –in Kressbronn auch- abgesagt werden, BürgermeisterInnen im Bodenseekreis einen Brandbrief schreiben, das Personal in den Kliniken am Anschlag ist, PatientInnen bereits verlegt werden müssen, wenn alle nach Kontaktreduzierung rufen, was denkt sich eine Redaktion dabei?

Die Leopodina schreibt heute in ihrer 10. Ad-hoc-Stellungnahme – 27. November 2021:

Coronavirus-Pandemie:
Klare und konse
quente Maßnahmen – sofort! 

(2) Deutliche Kontaktreduktionen 

Über die mittel- und langfristig wirksame Erhöhung der Impfquote hinaus ist es dringend notwendig, zusätzliche sofort wirkende Maßnahmen umzusetzen. Zur Eindämmung des Infektionsgeschehens bieten sich zwei Optionen an – mit deutlich unterschiedlichen Erfolgsaussichten: 

Option 1: Sofortige umfassende Kontaktbeschränkungen, zumindest in Regionen mit hoher Inzidenz 

Unmittelbar wirksam ist es aus medizinischer und epidemiologischer Sicht, die Kontakte von Beginn der kommenden Woche an für wenige Wochen deutlich zu reduzieren. Aufgrund der nachlassenden Immunität müssten diese Maßnahmen vorübergehend auch für Geimpfte und Genesene gelten, die in dieser Zeit eine Auffrischungsimpfung erhalten müssen. Zu erwägen wären folgende Maßnahmen: ( Farbliche Hinterlegung AGORA-LA)

  • ·  Strikte Kontaktreduktion im privaten Bereich, in Innenräumen und in Situationen, in denen viele Menschen zusammenkommen (z.B. Bars, Clubs, Veranstaltungen). Wo sich persönliche Kontakte nicht vermeiden lassen, ist eine generelle Maskenpflicht – ideal- erweise mit FFP2-Masken – sowie eine konsequente Durchsetzung der 2G-Regeln und Anwendung der AHA+L-Regeln unvermeidlich. 

Diese Option würde bei stringenter Umsetzung den exponentiellen Anstieg der Neuinfektionen in der 4. Welle beenden und somit auch der Überlastung des Gesundheitssystems entgegenwirken. 

Damit ist alles gesagt. Ob man solche außergewöhnlichen Hotspots in diesen Zeiten besucht, muss jeder selbst entscheiden. Ob die Berichterstattung zu so einem kommerziellen Event in werbender Sprache berichtet und damit möglicherweise indirekt zum Besuch auffordert, ist die Entscheidung einer Redaktion. Aber wir sitzen alle in einem Boot. Von dessen Steuerung hängt unser aller Leben ab.

+++Aktualisierung, 28.11.2021, 8.56 Uhr++++

Bundespräsident Steinmeier hat dazu aufgerufen, freiwillig die Kontakte zu beschränken, um einen Lockdown zu verhindern. HIER

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