Der Spiegelsaal


Schloss Montfort: Keramik

So, sicher haben Sie das Suchbildrätsel um die Keramikfundstücke auf dem historischen Foto hier gelöst: Richtig, auf dem Kaminsims steht zumindest ein Exemplar davon. Jetzt schöpfe ich aus den Schätzen, die unser Gemeindearchivar Andreas Fuchs in den Tiefen seiner Archivalien gehoben hat und in einem Mail-Verkehr spekulativ mit der Hoffnung auf mehr Erkenntnisse an Dr. Fischer beschreibt. So gibt es immer wieder Mutmaßungen zu den „Pötten“ ( in Fachkreisen nennt man sie übrigens Jardinière) von Albrecht Weber via Austausch Dr. Fischer und Andreas Fuchs. „Work in progress“ eben. Jetzt kommt der Gemeindearchivar zu Wort, damit etwas Fleisch an das zarte Gerippe des Narratives über die Vergangenheit des Fundes kommt:

[. . . ] Die älteste und zugleich umfangreichste Inventarliste des Schlosses im Archiv stammt aus dem Jahr 1903. Das Ehepaar von Leube ließ damals sein dort befindliches Hab und Gut in einen Fideikommiss einbringen. Genannt werden unter anderem zwei ‚Majolika-Vasen‘, aber auch zwei ‚Vasen mit Vögeln‘. Das auf dem Kaminsims befindliche ovale Gebilde könnte, so ließ ich mir berichten, in herrschaftlichen Häusern zur Einlage frischer Schnittblumen genutzt worden sein; zuvor wurden derartige Gefäße mit etwas Wasser befüllt. Die Familie von Leube hatte jedenfalls ein Faible für Tulpen.“ 

(c) Albrecht Weber: Firmensignatur

Soweit der Gemeindearchivar an den Kunsthistoriker. Was der so alles weiß und was ihm so alles berichtet wird! 

Aber: „Das Foto (Anm.AGORA-LA: vom Spiegelsaal) stammt allerdings aus der Zeit um 1940, als das Schloss Montfort ins Eigentum der „Gemeinschaft für Volkstum“, einer Art früher Bürgerinitiative, übergegangen war. Nun ist es anhand späterer Inventarlisten nicht zu belegen, dass Ginori-Objekte aus dem Nachlass der Eheleute v. Leube von der „Gemeinschaft für Volkstum“ (vgl . Geschichte des Schlosses hier) übernommen worden sind.“ Aufgrund der Errichtung der vorgenannten Familienstiftung, geht der Archivar im Verlauf des weiteren Textes kaum davon aus, dass außer nicht verwertbarem Mobiliar (heute im Eingangsbereich des Schlosses) Wertgegenstände im Schloss verblieben sind.

Dieser Wilhelm Oliver Leube hatte offensichtlich den nötigen finanziellen Hintergrund, um 1902 das Schloss Prinz Friedrich Karl von Hessen, dem Erben der Luise von Preußen, die Schloss Monfort als Sommersitz nutzte, abzukaufen. Es hat sich in der Hinsicht nicht viel geändert: Es gab wohl damals schon den Hang zum noblem Zweitwohnsitz in LA. 

Damit wurde aus dem adeligen Schloss ein bürgerliches Anwesen. Mit dem Geld eines Mediziners, der „ sich besondere Verdienste um die Behandlung der Magen- und Darmkrankheiten mit Magensonde und Magenpumpe erwarb. Und außerdem „gemeinsam mit Isidor Rosenthal (1836–1915) die Leube-Rosenthalsche Fleischsolution als besonders magenschonendes Nahrungsmittel entwickelte. Dabei handelte es sich um Rindfleisch, das mittels Überhitzung und Behandlung mit Salzsäure in eine weiche Masse verwandelt worden war.“ (vgl. hier) Na, dann guten Appetit!

Tulpen als Therapie?

Verwunderlich wäre es also nicht, wenn dieser Mann, der sich offensichtlich ausdauernd beruflich mit Magensäften und anderen Innereien des menschlichen Verdauungstraktes beschäftigte, sich als Ausgleich an bunten Tulpen ergötzte. Das lenkt vielleicht vom sauren Aufstoßen seiner ihm anvertrauten PatientInnen ab. . .

Mein Gott, was diese „Pötte“-Verzeihung: Jardinieren- so alles für Phantasien freisetzen. . . . Jetzt aber weiter mit den „hard facts“ aus dem Archiv mit Andreas Fuchs an den Kunsthistoriker Dr. Fischer aus dem Museum.

Im Jahr 1940 war es geplant, im Schloss auch ein Museum unterzubringen. Ein solches existierte schon zuvor bis in die 1920er Jahre in der Villa Wahl, wurde dann wegen der Wohnungsnot aufgegeben. Die Ausstellungsgegenstände wanderten hernach teilweise zurück zu den Leihgebern, ein anderer Teil dürfte vom kath. Ortsgeistlichen und Heimatforscher Hermann Eggart im Pfarrhaus aufbewahrt worden sein. 1940 versuchte Eggart, die Gegenstände wieder zusammenzuführen, letztendlich wurde der Gedanke an ein Museum im Schloss jedoch zugunsten einer Nutzung als „Kur- und Kulturhaus“ aufgegeben. Es kann dabei nicht ausgeschlossen werden, dass ein Teil der für das Museum vorgesehenen Gegenstände zur Ausstattung des Schlosses verwendet wurden. Weitere Teilbestände wanderten übrigens nach dem Krieg als Leihgabe ins Tettnanger Museum; [. . . ] Ginori-Objekte könnten, neben der lebensfrohen Familie v. Leube auch zum Oberjustizrat Eggert (bis 1902 Direktor des Königlichen Männerzuchthauses), dem einstmaligen Gründer des Museums in der Villa Wahl, gepasst haben. [ . . . ]“

Im weiteren Verlauf des Austausches erklärt Andreas Fuchs, im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Ausstellung über Jan Ballet im Museum Langenargen sei bekannt geworden, dass Eggert von Beruf bis 1902 Direktor eines Königlichen Männerzuchthauses war. Jedoch habe es sich, weiteren Überlieferungen zufolge, um einen fortschrittlich denkenden Menschen, einem Anhänger des Resozialisierungsgedankens, einem vehementen Gegner der Todesstrafe gehandelt. Zudem habe sich Eduard Eggert als Schriftsteller betätigt und in Künstlerkreisen verkehrt.

Welch ein Kontrast tut sich da auf: Arbeitsplatz Männerzuchthaus und Ginori-Keramik. . .

Jetzt kommt Luise von Preußen ins Spiel:

Die Prinzessin Luise von Preußen hingegen kann ich mir kaum als eine Liebhaberin derartiger Objekte vorstellen. Sie lebte als außerordentlich gesittete und alleinstehende Dame in den Sommermonaten auf dem Schloss, Schwerpunkt ihrer örtlichen Kontakte war die evangelische Kirchengemeinde. Luise von Preußen förderte nachhaltigst die Errichtung eines neuen Betsaals, besuchte regelmäßig die Gottesdienste. Das doch recht frivol bestückte Ginori-Objekt vom Kaminsims aus ihrer Hinterlassenschaft? Allerdings, wer weiß?“ 

Einwurf AGORA-LA: Frivol? Es ist doch nur Keramik . . . aber gut, gleich drei frivole Stücke war vielleicht doch zu anstößig!

(c) Albrecht Weber: Eine von dreien

Soweit die Überlegungen des Gemeindearchivars, die den Wert solcher Funde offenlegen, auch wenn man trotz historischer Belege noch etwas im Nebel stochert. Das macht so einen Fund jedoch erst interessant!

Allerdings machen die Pötte nur einen kleinen Teil des Schlosses aus. Da muss man schon die Kirche im Dorf lassen. Wichtig wäre es auf Dauer, sich neben dem Pächterthema Gedanken zum Gesamtkonzeptes des Schlosses zu machen, um es als Denkmal zu bespielen. Dazu gehört auch ein museales Vermittlungskonzept, das BesucherInnen nicht nur zum Besuch der Gastronomie einlädt. Machmal hat man doch den Eindruck, das Inventar stehe etwas unsortiert herum. Auch die Außenanlage mit den unterschiedlichen Lampen auf der Seepromenade und im Schlossareal kombiniert mit der phantasielosen Asphaltzufahrt des Schlosses überzeugen wenig. Aber vielleicht tut sich noch was bis zur 1250-Jahrfeier 2023.

Besser als Asphalt: Grün kämpft sich auf der Schlossterrasse durch
Laterne
Stillleben: Lampe an Asphalt

In einer Kammer neben der Rumpelkammer frönt die Gemeinde Langenargen jedenfalls ihrem Hang zu Luxustoiletten. Sie ist mit  Blick über den See ist wirklich nicht zu toppen. Schauen Sie mal!

Seeblick durch ein orientalisches Ornament beim Toilettengang

.

Und schon kündigt Albrecht Weber „Frischware“ in Form möglicher Referenzobjekte vom Kunsthistoriker an hier und hier. (Fotos aus urheberrechtlichen Gründen nicht zu veröffentlichen)

Ist es nicht herrlich, dass der Bezug zu Italien besteht. Das dürfte sicher auch die Partnerstadt Noli erfreuen. Überhaupt, eine Fahrt nach Noli und anschließend ins Keramik-Museum mit den „amici“ des Partnerschaftsverein nach Florenz, das hätte doch was!

Stellen Sie sich jetzt im Februar erst mal vor: Sie stehen oben im Sommer an einem lauen Abend auf der Terrasse des Schlosses, hören die Wellen tief unten an der Schlossmauer plätschern, schauen nach Übersee in die Schweiz und sprechen laut und deutlich den Namen des Marchese Carlo Andrea Ginori ( Sie erinnern sich hier). . . ja dann- verbreitet sich in Langenargen doch tatsächlich mediterraner Zauber. Nicht nur wegen ein paar alter Pötte. Der See sieht an strahlenden Tagen im Sommer wirklich aus wie das Mittelmeer, das Mare Nostrum! Hat man die Form der „Pötte“ mit ihren prächtigen Farben vor dem geistigen Auge, ja dann sieht man dort auf der Schlossterrasse sogar venezianische Gondeln in weiter Ferne auf dem Wasser dümpeln. . . vielleicht.

Ganz weit in der Ferne schaukeln die Gondeln. . .vielleicht

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