Das geht auf eine Schafshaut

Ewig auf Pergament 

Die sprichwörtliche Redewendung „Das geht auf keine Kuhhaut“ ist dafür bekannt, die Aufschrift unzähliger menschlicher Sünden vor dem  Jüngsten Gericht aufzulisten. Für die Ersterwähnung von Langenargen reichte eine Schafshaut. Nicht etwa, weil der Text  kürzer war und somit die Größe einer Schafshaut ausreichte, sondern weil Schafshäute gebräuchlicher, heller und zum Schreiben besser geeignet waren.

Das alles und noch viel mehr erfuhr man beim Vortrag von Dr. Peter Erhart, dem Leiter des Stiftsarchivs St. Gallen, über „Arguna 773 – Der Raum Langenargen im frühen Mittelalter“ am letzten Montag zur Eröffnung des Jubiläumsjahres in St.Martin- wenn man die  Ohren wegen der leider mäßigen Akustik gut gespitzt hatte.

Wahrscheinlich stutzte manch einer, der sich 1970 an die 1200-Jahrfeier in Langenargen erinnerte. Aber so ist es eben, wenn sich nach akribischer Forschungsarbeit  zu den historischen Daten herausstellt, dass alles doch ganz anders war. So trug  Dr. Erhart also vor und AGORA-LA fasst zusammen: 

Im St. Galler Urkundenbuch „Codex traditionum“ von 1645 hat sich der Urkundentext erhalten, der im Original jedoch nicht mehr vorhanden ist. Diese Urkunde wurde seinerzeit auf das Jahr 770 datiert. Warum?

Der Text gibt das zweite Regierungsjahr des Frankenkönigs Karl des Großen als Zeitpunkt seiner Ausfertigung an. Das war 768, zwei Jahre später eben 770. Damals regierte Karl jedoch nur über das Westfrankenreich, erst 771übernahm er von seinem Bruder Karlmann den südlichen Teil des Frankenreichs als dessen Erbe: Das reichte von Burgund und Aqitanien bis Alemannien. Also zwei Jahre später. Das wäre 773 also das zweite Regierungsjahr seiner Gesamtherrschaft. Dieses Jahr nehmen die Forschenden heute als das Jahr der Ersterwähnung von Langenargen an.

Deswegen feiern wir aktuell im Jahr 2023. Dr. Erhart führte weiter aus, dass der lateinische Text nicht so ganz einfach zu übersetzen sei. Klassisches Latein sieht tatsächlich anders aus. Trotzdem kann man es erschließen, zumindest können das die modernen Hüter der alten Dokumente drüben in St.Gallen. Sie können auch die damaligen Schriften mit den jeweiligen Schreibern, die meist Kleriker waren, einordnen. Bekannterweise hatte Karl der Große die karolingische Minuskel um 800 aus verschiedenen Vorgängerschriften flächendeckend in den Bildungsstätten seines Reiches eingeführt.

Foto aus der Präsentation

Das mächtige Kloster St. Gallen betrieb wie viele andere Klöster eine eigene Schreibschule, eine innere für die Mönche und eine äußere für weltliche Schreibschüler. Im Fall der vorliegenden Urkunde jedoch wird gemutmaßt, dass der Schreiber eher eine regionale Schreibschule besucht hat.  

Ihr Inhalt behandelt eine Schenkung von Landbesitz aus dem Gebiet um Sigmarszell und eben in „Arguna“ samt Unfreien durch Mutter und Sohn, eine Theotrada und ein Hadupert an das Kloster St.Gallen.

Foto aus der Präsentation
Foto aus der Präsentation: Ausschnitt „arguna“

Es war eine Schenkung, aber es gab etwas dafür. Was?

Einen jährlichen Zins bestehend aus Viktualien. Auch ein Schwein sollte dabei sein, wenn die Eichelmast es zuließ. Sonst ein Widder. Dr. Erhart ging noch weiter auf die Ereignisse der Vergangenheit und den großen Einfluss des Klosters St. Gallen ein, die jedoch an dieser Stelle zu weit führen würden. Für uns ging es ja „nur“um die erste Erwähnung von Langenargen in dieser Urkunde. Aber St. Gallen hatte durch viele weitere Übertragungen von Besitz erheblichen Einfluss in unserer Gegend ( z. B. Überlingen). Wichtig zu erwähnen ist noch ein Hinweis von Dr. Erhart, dass dieser Akt der Schenkung in dem Ort ( villa, hier in der Bedeutung  von „Ort“) „Arguna“ öffentlich war. Das lässt darauf schließen, dass der Ort der Beurkundung eine gewisse Infrastruktur bot und durchaus als entwickelt galt. Die Schaffung von Öffentlichkeit schien also schon damals wie heute bedeutend zu sein. Auch verlangte das alemannische Recht Zeugen für diesen Rechtsakt. 

So führen uns diese wenigen Zeilen aus der Vergangenheit mit doch so vielen Details an den Schluss des Grußwortes von Bürgermeister Münder zurück: Zu den Riesen der Vergangenheit, deren Größe nur durch die nur scheinbar zwergenhafte Akribie moderner Schriftgelehrten zu ihrer Größe gelangen können.  

Zukunft braucht eben Herkunft, aber auch Fleiß, Ausdauer und – gute Augen beim Lesen! 

Der Löwe lauscht interessiert und lächelt immer noch von oben

 

Wer noch einen Blick auf die Bilder von Alt-Langenargen werfen möchte, die während der Veranstaltung eingespielt wurden, wird hier fündig.

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