Schwätzen und schwarze Kunst

Vortrag von Reinhard Schick im Münzhof

Der Ort im Münzhof war vorausschauend ausgewählt! Offensichtlich hatte man seitens der Organisation mit einem großen Publikum gerechnet, das nicht im Rathaussaal Platz gefunden hätte. Vorträge von Reinhard Schick sind bekanntermaßen von hoher Anziehungskraft!  

Einführung durch die 1. Stellvertretende Bürgermeisterin Susanne Porstner

Voller Saal!

Als „Reingeschmeckte“ aus dem Rheinland habe ich immer noch Nachholbedarf, was Dialekt und Brauchtum am Bodensee angeht. Obwohl – die berühmte Benrather Linie, die die sogenannte zweite Lautverschiebung beschreibt, verläuft durch den heutigen Stadtteil Benrath in Düsseldorf. Womit wir nun schon mitten im Vortrag von Reinhard Schick sind, also geographisch gar nicht so weit weg vom Rheinland. Schließlich fließt der Rhein durch den Bodensee an Benrath vorbei. 

Aus der Präsentation: Plakat aus dem Mühlenladen im öffentlichen Raum

Wenn Dialekt aussterba däded, däd oo a Kulturgut vorschwinda“

Das Schreibprogramm markiert alles fehlerhaft, es versteht ja nur Hochdeutsch! Dabei ist das doch nur der schwäbische Konjunktiv! Das erklärte Reinhard Schick im weiteren Verlauf seines Vortrages über die Sprachentwicklung im Bodenseeraum. (vgl. hier Sprachatlas der Uni Tübingen) Man erfuhr, dass Hochdeutsch etwas mit der geographischen Höhe des Landes zu tun hat, in dem seine Bewohner leben und sprechen. So spricht man bei uns Bodensee-Allemannisch, während sich die Schweizer gegenüber am See auf Hoch-Alemannisch verständigen. Dafür müssen sie von drüben immer auf das flache Langenargen schauen, während wir auf das herrliche Säntis-Massiv der Hochalemannen blicken dürfen, denke ich so bei mir ein wenig schadenfroh! 

Blick zu den Hochalemannen (c) AGORA-LA

Spaß beiseite, der Wandel vom Seealemannischen zum Schwäbischen vollzog sich im 19./20.Jahrhhundert. Vor 1810 haben alle Bewohner unseres Ortes noch Seealemannisch gesprochen. Einer, der das noch konnte war Martin Walser, gebürtig aus Wasserburg. Seine Mutter sprach noch Seealemannisch. Ein Gedicht von ihm in Seealemannisch hat Reinhard Schick an dem Abend vorgestellt.

Woher hat man denn nun die Belege für all diese Sprachentwicklungen? Aus den Schreibstuben der Klöster, deren Nachfolger Reinhard Schick später als die Meister der schwarzen Kunst, d.h. der Buchdruckerkunst, bezeichnete. Mit ihren Federkielen schrieben allerdings die Kirchenmänner zunächst ihre Texte auf Pergament, die für die Nachwelt so bedeutend sind. St.Gallen und auch die Reichenau waren im wahrsten Sinne des Wortes federführend. (vgl. hierhier)

Auf seinem Weg durch Mundart und Brauchtum gab Reinhard Schick variantenreich Beispiele überlieferten Brauchtums, die oft anlässlich kirchlicher Feste ( Taufe, Hochzeit, Beerdigung) bis heute erhalten sind. Passend zur fünften Jahreszeit natürlich: Fasnet (rheinisch Karneval)

Der Föhnwind, Foto: (c)AGORA-LA

Der Spruch der Pfäläller mit ihrer herrlichen Maske durfte dabei nicht fehlen. Jeder kennt diese Maske mit ihren aufgeblasenen Backen: „ Der Pfä lället user“- „Der Föhn bläst uns entgegen.“ Die Geschichte dahinter war mir bisher unbekannt:

Der Spruch sei zufällig beim Blick aus dem Strandcafé auf den See in den Köpfen Kreativer entstanden, während draußen der warme Wind heftig blies und das Wasser vor sich her trieb. Schon war der Name „Pfäläller“geboren. Es reihten sich an diesem Abend also Anekdote und Exkurse aus der Wissenschaft aneinander. Es würde den Umfang dieses Textes sprengen und die Tastatur wegen der zahlreichen schwäbischen Ausdrücke unnötig quälen, wenn man die sehr unterhaltsamen Geschichten und Informationen aus der Vergangenheit unseres Ortes alle erwähnen würde.

Zum Schluss sei jedoch noch auf eine tragische Begebenheit erinnert: Ein altes Foto, das einen großen Beerdigungszug auf der Höhe vom Hotel Klett zeigt. Das Apothekerehepaar und eine ihrer Angestellten, die bei einer Explosion 1925 im Labor der Apotheke zu Tode gekommen waren, werden zu Grabe getragen. Übrigens war das eine ökumenische Beerdigung, weil die Opfer Mitglieder beider Religionen waren, so Reinhard Schick.

Aus der Präsentation: Beerdigungszug

Am Ende dieses sehr unterhaltsamen Vortagabends ging man, bestens über die Vergangenheit dieses Ortes informiert, aber dennoch nachdenklich aus dem Saal: Wer wird wohl künftigen Generationen die so wichtigen alltäglichen Geschichten des Ortes erzählen? Wer wird sich erinnern? Wie ist die Jugend dafür zu begeistern? Die Jahrgänge der Zuhörerschaft gehörten eher in die Seniorengruppe 60plus.

Wir haben zwar jetzt eine neue Chronik, aber die vielen kleinen Geschichten existieren in den Köpfen der Menschen, in Reinhard Schicks Kopf beispielsweise. Diese erzählten Erinnerungen halten die alltäglichen Dinge der Vergangenheit wach. Deshalb war auch das Projekt „Erzählte Geschichte“  Schlosspark und Zitronengässle zur 1250-Jahrfeier so wichtig.

Es gilt der Satz : Zukunft braucht Herkunft!

Bildinfos: Alle Bilder aus der Präsentation durften nach Genehmigung von Herrn Schick verwendet werden. Sie wurden während des Vortrages abfotografiert. Das Eingangsfoto der Urkunde von Langenargen stammt von AGORA-LA aus der Präsentation: hier.

Aktualisiert: 29.1.2024, 13.17 Uhr

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