Kunst und Krise

Offener Abend 

Zwei Vertreter beider Kirchen, ein Kunsthistoriker, ein Überraschungsgast und natürlich Goya. Diese Konstellation führt zur Kunst als Seismograf für Krisen in unserer Zeit. (vgl. hier) Der Eröffnungsabend zu weiteren offenen Abenden der evangelischen Kirchengemeinde im Prälatensaal des Museums fand gestern vor großem Publikum statt. Alle zusätzlich herbeigeschafften Klappstühle wurden genutzt.

Der Kunsthistoriker als Hausherr des Museums mit seinen Gästen

Die beiden Pfarrer
. . . und zum Schluss Aljoscha

Es ging um den berühmten Zyklus „Los Caprichos“ (dt. „Die Launen“), die Francisco de Goya (1746–1828) zwischen 1793 und 1799 schuf. In einem Trialog stellte Priv.Doz.Dr. Ralf-Michael Fischer mit den beiden Pfarrern, Mathias Eidt (ev .Kirchengemeinde) und Armin Noppenberger (kath. Kirchengemeinde) unter der Überschrift „ Kunst und Kirche“ ausgewählte Bilder aus der aktuellen Ausstellung seinen Zuhörern vor. Mit dabei: Aljoscha, der Stipendiat aus dem Kavalierhaus. (vgl.hier)

Fischer hatte die für die  biographischen Erläuterungen wichtigen  Bilder aus den  Caprichos ( vgl.hier)gewählt:

Das Selbstbildnis von Goya (vgl. hier) öffnete den Blick auf die Biographie von Goya ( vgl. hier). Dieses Porträt zeigt den Künstler im Profil, abgewandt und etwas spöttisch schauend, äußerlich in der Kleidung des Aufklärers. Wichtig zu wissen: Die Caprichos sind aus dem eigenem Antrieb des Künstlers entstanden, sie waren keine Auftragsarbeit. Nicht fehlen durfte natürlich in der Einführung „Der Traum bzw. Der Schlaf der Vernunft, ein sehr bekanntes Bild von Goya. Hier. Die Ausstellungshindernisse bei uns zu diesem Bild im Kunstpark am See sind hierhier und hier beschrieben. Man nennt diese Ungeschicklichkeit im Zusammenhang mit der Ausstellung  am See übrigens in Künstlerkreisen in LA inzwischen „Goyagate“. Dazu ist nun jedoch genug gesagt worden.

Tabula rasa

Interessant ist, welche Bilder die beiden Männer der Kirche auswählten. Eines sei erwähnt: Das Bild mit dem Titel „ Es gab keine  Hilfe“(vgl. hier , aus bildrechtlichen Gründen nicht auf AGORA-LA zu veröffentlichen). Es zeigt eine Frau, die zur Zeit der Inquisition offensichtlich wegen Ketzerei verurteilt  wurde und, mit dem Ketzerhut bekleidet, als Verurteilte der gaffenden Menge ausgesetzt wird. Sie ist unfähig, sich den Blicken der Gaffer zu entziehen, weil sie durch eine Fixierung am Hals ihren Kopf nicht von der Menge abwenden kann. Sie muss deren geifernde Blicke aushalten.

Beide Pfarrer erklärten diesen von Goya dargestellten Spießrutenlauf als für die Gegenwart prophetisch: Die Zeit der modernen Medien bewirke diese Schaulust der Gaffer bis ins Private, die Lust an der Schadenfreude, die Lust auf Bilder des Intimsten, die wie Billigbotschaften daherkämen. Das habe freilich nichts mit Prüderie zu tun. Influencer nähmen mit grenzenloser Schamlosigkeit Einfluss und es finde sich niemanden, der den Schalter zum Ausschalten betätige -weder die Influencer noch deren Follower. Die Würde des Privaten sei verschwunden. Sie fragten sich im Dialog mit dem Publikum, ein weiteres  Bild vor Augen, „ Buon Voyage“ hier, wohin die Reise wohl in Zukunft gehen soll, etwa eine Reise wie ein Albtraum in der Dunkelheit?

Wo bleibt die Vernunft? Hilft Aufklärung gegen Verschwörungen und Irrglaube?  Dunkelheit in der Zukunft, Krise eben? Viele offene Fragen nach einem Abend, der nachdenklich machte. All diese Fragen bereits bei Goya angelegt, die er für sich künstlerisch verarbeitete, von denen er in seiner Zeit noch nicht wissen konnte. Und doch sind seine „Capricios“ tiefsinnig zweideutig, in der damaligen Zeit zum Schutz seiner Person bewusst so gewählt, mehr als nur Launen.

Aber Halt-Stopp! – Eine Hoffnung gab es schon noch: Aljoscha, den Stipendiaten. Er wurde zum Schluss aus dem Publikum nach vorne zur Hilfe gerufen. Er erklärte seine Vision von Zukunft: Sie erinnern sich an seinen Text  hier

Bioismus oder Biofuturismus ist mein Versuch, neue Lebensformen zu schaffen und eine neue Ästhetik für die Zukunft des organischen Lebens zu entwickeln. Bioismus ist ein Weg, Kunstobjekte zu entwickeln, die die visuellen Möglichkeiten der synthetischen Biologie und Bioethik zum Ausdruck bringen. Bioismus verkörpert das Bestreben, Kunst zu schaffen, die auf Vitalität, Vielfältigkeit, Komplexität und Abweichung basiert. [. . . ]“

Eine Lösung?  Besuchen Sie ihn doch mal im Kavalierhaus, reden Sie mit ihm,  schauen Sie ihm über die Schulter und betrachten Sie sich die Bilder im Museum mehrmals unter immer wieder neuen Aspekten.

Interessant wäre es doch, wie Aljoscha sich mit Goya unterhalten hätte. Wäre dieser hintergründige Künstler heute ein Influencer? Wohl eher nicht, dazu sind seine Bilder zu mehrdeutig.

Der Überraschungsgast: Aljoscha

Anmerkung: Die bildrechtlichen Beschränkungen erlauben es nicht, die Ansicht der Goyabilder auf AGORA-LA direkt zu veröffentlichen. Einen Link zum virtuellen Blättern finden Sie hier.

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