Kavalierhaus-Artist Talk mit den Stipendiaten

Joystic statt Pinsel?

So schnell vergeht die Zeit! Ende des Monats läuft das Stipendium des Künstlerpaares Mukenge/Schellhammer  aus. Gestern öffneten sich die Türen des Ateliers zu einem Artist Talk-ein Künstlergespräch- und es kamen viele Interessierte. Als AGORA-LA die beiden Anfang (vgl. hier) Oktober besucht hatte, waren die Wände noch leerer. Jetzt ist noch Kunst in einer anderen Dimension dazu gekommen: Zu den Farbpigmenten üblicher Malerei gesellt sich eine Installation aus der Welt der Pixel, eine Entwicklung in einer postdigitalen Welt, entstanden in den Räumen des Ateliers im Kavalierhaus. Joystick statt Pinsel? Ist das die  Zukunft?

Das Duo und Kathleen Lögler von der TKM
Es wurde eng im Kavalierhaus, es mussten noch Stühle herangeschafft werden

Aber der Reihe nach: In ihrer Einführung in ihre Arbeit als Künstler-Duo erfuhr das Publikum, dass die beiden ihre Existenz im Duo zu einem von ihnen beiden unabhängiges Wesen erklärt haben. Was meinen sie damit?

Sie hätten einen Kunstbegriff für sich begründen wollen, der nicht auf seine geographische Herkunft reduziert werden kann. Kunst müsse mehr sein als nur die  Definition über Herkunft. Dieses Künstler-Duo, das sie zusammen 2024 geschaffen haben, wollen sie in der dritten Person Singular verstanden wissen, erklärten die beiden. Durch die transnationale Konstellation -kongolesisch/deutsch- sei ihre Arbeit immer politisch zu sehen. Das zeige sich schon in der Rückkehr nach 10 Jahren Arbeit im Kongo, um hier auszustellen. Lydia, die in Radolfzell aufgewachsen ist, erzählte, dass sie die Adresse ihrer Eltern noch als Wohnsitz beibehalten habe. Christ jedoch hätte den Weg nach Deutschland über den Antrag auf ein Visum nehmen müssen. Dann fand er sich auf den üblichen verschlungenen Pfaden der Behörden im Dschungel bis hin zum Integrationskurs wieder. ( Korrektur AGORA-LA: Zuvor stand im Text, dass Christ einen Asylantrag hätte stellen müssen. Die Aussage wurde im Text korrigiert, er musste nur an einem Integrationskurs teilnehmen )Diese Ankunft sei eben damit schon politisch gewesen. Außerdem sei die Arbeit  an der dortigen Akademie im Kongo immer noch geprägt vom Blick der ehemals belgischen Kolonie auf Kunst – durch die Brille des weißen Europas. Noch immer sei dort der Studienkanon durch die Malerei Europas bestimmt. Die Künstlergeneration von Christ begann jedoch inzwischen dagegen zu rebellieren. Auch das ist politisch, trotzdem verstünden sie sich nicht als politische Aktivisten.

Referenzen: Der Reiter vom Bodensee

Wie die einheimischen KünstlerInnen im Kongo sogar ausgebeutet werden, erzählte Lydia: Es gibt dort traditionelle Hüttenmalerei. Deren Motive wurden geklaut und nach Europa „exportiert“, um dort auf dem Kunstmarkt hochpreisig verkauft zu werden. Die heimischen KünstlerInnen gingen dabei meist leer aus.

Immer im Dialog ( franz./ deutsch) untereinander und mit dem Publikum

Zurück zum Digitalen im Atelier: Zwei Bilder mit Pinselstrichen gemalt, in der Mitte eine bewegliche Installation, entstanden mit dem Joystick: Anspielungen an die mythische Figur einer Meerjungfrau, die im Kongo genauso wie in Europa als Teil der Überlieferung ihren Platz hat. Im afrikanischen Umfeld des Kongos ist diese Frau weiß und verkörpert die Hoffnung. Im digitalen Bild in der Mitte bewegt sich alles, links sieht der Betrachter ein Auge und rechts den Fischschwanz der Meerjungfrau traditionell mit dem Pinsel erstellt.

Digitale Bewegung zwischen traditionellen Pinselstrichen (die Bewegung ist fotografisch nicht festzuhalten)

Lydia ließ ein Buch herumgehen mit dem Titel „ Zwischen Pixel und Pigment- Malerei in der postdigitalen Gegenwart“. Es beschreibt den Umgang der Malerei mit der digitalen Abbildung von Realität, die durch die Maschine längst neu erfunden wurde, möglich werden könnte. Wie ändert sich Kunst im Umgang mit der neuen Welt der Bilder in der Zukunft ? Was kann Kunst in dieser modernen Bilderflut überhaupt noch als Realität wahrnehmen und darstellen? Wird der Pinsel in der Welt der Pixel verschwinden? Braucht es überhaupt noch den Menschen mit dem Pinsel in der Hand?

Kunst mit dem Joystick . .
. . . . für alle
Da kann einem schwindelig werden!

Performance
Lebendig ohne Joystick

Es war ein ereignisreicher Austausch . . . alle kamen ins Gespräch: Jeder und jede mit den jeweiligen eigenen Referenzen im jeweiligen Lebensumfeld. Interessante Begegnungen, Fragen zum Blick durch die Brille auf die Kunst und auf den See aus dem Fenster des Kavalierhauses.

Es gab nicht nur Saft!

Gut, dass es dieses Stipendium in LA gibt! Es bereichert LA als Ort der Kunst und weitet den Blick auf die Welt! Begonnen hatte alles hier. Das diesjährige Stipendium endet bald, noch darf man vorbeischauen.

Das Duo ist noch bis zum 2. November in Schloss Achberg zu sehen.HIER

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