Es ist eng in LA


Bevölkerungsentwicklung

BM Krafft äußert sich im SZ-Sommerinterview vom 17.08.2020 zum neuen Wohnquartier „Naturella“ und das Baugebiet Gräbenen VI: „Ich bin vielmehr überzeugt davon, dass wir die Projekte dringend brauchen.“ Gründe und Überlegungen, warum und wieso er davon überzeugt  ist, nennt der BM nicht. Die Bürger erinnern sich an den offenen Brief des langjährigen Gemeinderats Karl Maier hier, der wiederholt zu diesem Thema eine Bedarfsplanung anmahnt. Auf der Suche nach den Hintergründen einer Bedarfsplanung in Zusammenhang  mit  der Bevölkerungsentwicklung wird man im Datenmaterial des Statistischen Landesamtes fündig:

Anfang der sechziger Jahre wohnten etwas mehr als 4 000 Einwohner in Langenargen. Bis Ende 2019 wuchs die Bevölkerung, für die sukzessive Wohnraum entstand, auf 7 654 Einwohner an.

Bild 1 (c) AGORA-LA

Schon 1961 war Langenargen begehrt: Die Bevölkerungsdichte, also Einwohner je Quadratkilometer, lag mit 273 Einwohner/qkm bereits damals etwas über dem Landesdurchschnitt (219 Einwohner/qkm). Während die Bevölkerungsdichte landesweit eher moderat bis Ende 2019 auf 311 Einwohner/qkm anstieg, verzeichnete Langenargen einen deutlich überproportionalen Anstieg auf 501 Einwohner/qkm und dies lässt eine hohe Bebauungsdichte erahnen.

Bild 2 (c) AGORA-LA

Auf der Suche nach einer Antwort zum Wohnraumbedarf stößt der interessierte Bürger auf Datenmaterial über Fort- und Zuzüge über die Gemeindegrenze Langenargens hinaus:

Bild 3 (c) AGORA-LA

In 2018 sind beispielsweise 660 Personen fortgezogen und 703 Personen, die Wohnraum in Langenargen fanden, zugezogen. Zwischen 2015 und 2018 sind mal geringfügig mehr und mal geringfügig weniger Einwohner fortgezogen als zugezogen. Per Saldo überwiegen in diesem Zeitraum die Zuzüge mit 49 Personen. Besteht ein Haushalt aus drei Personen, dann haben so gerechnet zusätzlich 16 Familien in Langenargen ein Dach über dem Kopf gefunden. 

Interessant sind die Fort- und Zuzüge nach Altersgruppe, die nicht nur in 2018 sondern auch im mehrjährigen Vergleich annähernd ausgeglichen sind:

Bild 4 (c) AGORA-LA

In der Altersgruppe der 30- bis 35-Jährigen zeichnet sich für Fort- und Zuzüge ein Gipfel ab. Es sind sicherlich vielfältige Gründe, weshalb in dieser Altersgruppe die meisten Personen (2018 – 90 Personen, etwa 45 Familien) fortziehen: Familiäre wie auch berufliche Gründe. Auch vorstellbar, dass sich in dem einen oder anderen Fall kein Baugrundstück finden ließ. Familiäre wie auch berufliche Gründe treffen sicherlich auch auf die Zuzügler, die mit dem freiwerdenden Wohnraum zufrieden sind, zu.

Der Wunsch nach einem eigenen Haus ist nicht neu und verständlich. Diejenigen, die in größeren Kommunen oder Städten aufgewachsen sind oder dort gelebt haben, lernten bereits vor einigen Jahrzehnten, dass dieser Wunsch nur realisierbar war, wenn man vor die Stadt und auf das Land zog, sei aus Mangel an Baugrundstücken oder aufgrund der finanziellen Möglichkeiten. Wer heutzutage dem Trend folgend, das Wohnen in der Stadt oder in traumhafter Lage bevorzugt, der muss sich, was man beklagen kann, für kleineren Wohnraum bei oftmals hohen Preisen bzw. Mieten entscheiden.  

Langenargener Familien, die möglicherweise fortziehen würden, werden nach Fertigstellung eine schönere oder auch größere Wohnung in einem Wohnquartier „Naturella“ oder einer Bebauung von Gräbenen VI finden. Fraglich erscheint, ob Langenargener Familien ihre heutige Wohnung gegen eine Wohnung in einem größeren und höheren Mehrfamilienhaus entlang der Bahnstrecke eintauschen wollen. 

Unter dem Strich verdeutlicht das Datenmaterial, dass neue Wohnquartiere und Baugebiete zum Zuzug aus anderen Gemeinden führen werden, will man Leerstand vermeiden. Das wird nicht eintreten, Langenargen ist ja begehrt. Die Frage ist, ob man den Preis einer weiter steigenden Bevölkerungs- wie auch Bebauungsdichte zu zahlen bereit ist.

Und noch etwas muss man bedenken: Der tägliche Flächenverbrauch soll bis 2030 auf unter 30 ha pro Tag reduziert werden. Das wurde im Januar 2017 in der „Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie – Neuauflage 2016“ festgelegt. „Naturella“ ist damit sicher ein vorbildliches Projekt, weil es der Natur Fläche zurückgibt. Vielleicht reicht es dann ja auch.

Alle Grafiken beruhen auf Datenmaterial des Statistischen Landesamtes BW https://www.statistik-bw.de am 17.08.2020